Schon als kleines Kind war ich ruhig und stets in mich gekehrt. In Schwimmbädern habe ich mich unter Handtüchern versteckt. An Spielplätzen hatte ich nur Interesse, wenn niemand sonst dort spielte. An Aktivitäten für Kinder wollte ich nicht mitmachen. In der Öffentlichkeit saß ich brav und still neben meiner Mutter.
Ich war gerne alleine, blieb am liebsten zu Hause und fand im Lesen und Zeichnen Beschäftigungen, die mir bis heute sehr am Herzen liegen. Außerhalb unserer Wohnung erlebte ich eine chaotische Welt, die zu intensiv war. Zu viele Gerüche und Geräusche – und überhaupt viel zu laut und hektisch. Überall waren Menschen. Berührungen kamen schon gar nicht in Frage. Ich wollte nichts berühren und ich wollte nicht berührt werden.
Ich habe schon sehr früh gesprochen, doch meine Weise mich auszudrücken war viel zu förmlich und kompliziert für ein Kind. Von Anfang an habe ich stets nur „nach der Schrift“ und in ganzen Sätzen gesprochen. Für viele war ich eine wunderliche kleine Person.
Meine Mutter holte sich Rat von anderen, von Menschen mit entsprechender Expertise und Erfahrung – vermeintlich. Personen aus der Logopädie, Kinderpsychologie, Kindermedizin und Erziehungsberatung. Doch keine der „Diagnosen“ war hilfreich. Extreme Schüchternheit. Introvertiertheit. Hochbegabung – und alles angeblich kein Grund zur Sorge. Das würde sich alles von selbst lösen.
Wenig Verständnis, viele Missverständnisse
Doch immer mehr und mehr habe ich mich anders gefühlt. Mehr und mehr fühlte ich mich einsam. Irgendwie gehörte ich nirgendwo dazu. In der Schule wollte ich jeden Tag von der ersten Sekunde an immer nur wieder nachhause. Ich wollte nur in Ruhe gelassen werden. An schulischen Aktivitäten hatte ich kein Interesse. In den Pausen fühlte ich mich verloren. Essen wollte ich nicht, wenn andere dabei waren.
Im Gymnasium wurde meine fehlende mündliche Mitarbeit zum Problem. Ich konnte mich nicht dazu überwinden mich selbstständig zu melden und dies hatte Einfluss auf die Benotung. Ein Lehrer gab mir trotz meiner sehr guten schriftlichen Arbeiten eine schlechtere Note, da „Englisch eine lebende Fremdsprache sei“ und ich diese nicht „sprechen“ würde. Ein Umstand, den ich als sehr unfair empfand. Als ob Texte verfassen kein Zeichen einer lebenden Sprache wäre.
Einige Lehrer:innen erzählten meiner Mutter am Elternsprechtag, dass sie sich meiner Existenz lange Zeit nicht bewusst waren. Im Klassenraum waren mir zu viele andere Menschen. Ich konnte mich nicht konzentrieren – zu viele Störfaktoren. Meine Ehrlichkeit beziehungsweise Direktheit wurde mir übel genommen und vom Lehrpersonal teilweise als respektlos wahrgenommen.
So wurde mir von einer Lehrerin einmal vorgeworfen, einen bestimmten Zettel nicht abgegeben zu haben. Ich, wissend, dass ich ihn eben jener Lehrerin jedoch selbst überreicht habe, erwiderte: „Das ist nicht wahr.“ Die Lehrerin war empört und fand kurz darauf den erwähnten Zettel. Sie entschuldigte sich nicht. Durch andere Lehrer:innen erfuhr ich, dass die erwähnte Lehrerin seit diesem Vorfall schlecht über mich sprach. Ich wechselte die Klasse. Dadurch fühlte mich wieder etwas wohler.
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Weder Antworten noch Unterstützung
Während meiner Schuljahre hatte ich viel Kontakt mit den unterschiedlichsten Spezialist:innen. Immer sagten sie dasselbe: Extreme Schüchternheit, Introvertiertheit, Hochbegabung. Das war nichts Neues, keine Hilfe. „Die Intelligenz ist hier“, sagte ein Experte zu meiner Mutter und hielt dabei seine Hand über seinen Kopf. Dann bewegte er seine andere Hand nach unten und meinte: „Das soziale Verhalten ist hier. Die beiden müssen sich angleichen.“
Ein anderer Spezialist, den meine Mutter zurate zog, wollte mir nur helfen, wenn ich ihn persönlich vorher anrufe und äußerte, dass ich „ansonsten ja gar keine Hilfe wollen würde“. Dabei war und ist das Telefonieren für mich – wie für viele Autist:innen und wie es ihm meine Mutter auch mehrmals erklärt hatte – eine äußerst schwierige und unangenehme Herausforderung.
Die Jahre vergingen. Inzwischen studierte ich. Die negativen Erfahrungen mit meinen Mitmenschen häuften sich. Es schien, als ob alle Verantwortung immer auf mir lasten würde. Wenn es zu Problemen, Konflikten oder Missverständnissen kam suchte nicht nur ich selbst die Schuld bei mir, sondern auch die anderen. Stets hatte ich das Gefühl, dass ich zwar Rücksicht auf meine Mitmenschen nehmen müsse, sie aber nicht auf mich.
Ich fühlte mich ausgegrenzt und unverstanden. Die tagtäglichen Missverständnisse belasteten mich. Mir ging es immer schlechter. Was mit mir los war, wusste ich noch immer nicht, mir war aber bewusst, dass es immer schlimmer wurde. Soziale Interaktionen verursachten in mir inzwischen starken Stress, Angst, sogar Panik. Ich hatte das Gefühl: Etwas stimmt nicht mit mir.
Eine späte Diagnose
Nach dem Abschluss meines Masterstudiums stand ich vor der Frage: „Was nun?“ Ich fühlte mich verloren in dieser Welt. Die ungeschriebenen Spielregeln der Gesellschaft erschlossen sich mir nicht. Mit anderen Menschen zu interagieren war unverhältnismäßig viel Arbeit und stets fühlte ich mich von ihnen in Rollen gezwungen, die ich weder spielen wollte noch konnte. Doch endlich traf ich – völlig durch Zufall – auf eine Person, die den Grund meiner vielen Schwierigkeiten benennen konnte: Asperger-Autismus.
Soweit die Diagnose. Endlich eine Erklärung. Aber kein Trost. Je länger Autismus unerkannt bleibt, desto mehr zusätzliche Probleme können sich daraus entwickeln. Darunter Phobien, Zwangsstörungen, Essstörungen und viele andere Erkrankungen. Es würde viel Zeit kosten und viel Arbeit notwendig sein den bisher angerichteten Schaden durch einen so lange unbehandelten Autismus wiedergutzumachen. Ein anderer Spezialist erklärte uns, dass sich relevante Diagnoseverfahren erst seit kurzem verbessert haben. Personen im Autismus-Spektrum können darüber hinaus sehr verschieden sein.
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Die Zukunft
Ein Leben mit Autismus kann grausam sein. Ein Leben mit nicht diagnostiziertem Autismus umso mehr. Die Welt nicht zu verstehen und von der Welt nicht verstanden werden, von der Gesellschaft und den Ämtern kein Verständnis, kein Gehör und keine Hilfe zu bekommen. Aus eigener Erfahrung kann ich all das bestätigen. Ich wünsche es keiner anderen Person.
Eine frühere Diagnose hätte mir viel erspart. Mehr Verständnis und Rücksicht von meinen Mitmenschen hätte vieles leichter gemacht. Für das Thema Autismus sensibilisiertes Lehrpersonal hätte sehr geholfen.
Vor allem aber hätte ich durch eine frühere Diagnose viel früher lernen können mich selbst zu verstehen. Ich hätte früher verstanden, dass ich viele Dinge anders angehen muss als die meisten Menschen. Mein Leben voller Selbstzweifel wäre vermeidbar gewesen.
Es sind nicht nur Autist:innen mit Hochbegabung, die häufig übersehen werden und nicht die notwendige Unterstützung erhalten. Auch viele andere Personen stoßen aufgrund ihrer „Andersartigkeit“ auf Barrieren und erleben Leid – und das viel zu oft im Stillen.
Doch gerade darüber dürfen wir nicht schweigen.
Geschrieben Von
Rémy Andre
Grafik von
Clara Sinnitsch
Redaktion
Lisa Kreutzer