Hört auf, mich zu bewundern

Menschen mit Behinderungen wollen keine Inspiration für nicht-behinderte Menschen sein
Eine Frau schaut m it freundlichen Blick in die Kamera. Sie hat kurze Haare und benutzt einen Rollstuhl.

Geschrieben von

Johannes Scheucher hört oft Sätze wie:
„Super, was Du trotz Deiner Behinderung schaffst!“

Hier erzählt er,

warum ihn das wütend macht.

In der Schule hatte ich beim Hör-Verstehen im Englisch-Unterricht oft alles richtig. Beim Hör-Verstehen hört man ein kurzes Gespräch an und muss Fragen dazu beantworten. Einmal sagte die Lehrerin zu einem Mitschüler, der nicht bestanden hatte: „Sogar der Johannes hat das Hör-Verstehen richtig, obwohl er schlecht hört.“ Das war aber kein Lob für mich.

Ich glaube: Die Lehrerin wollte vor allem, dass die anderen Schüler*innen besser sein wollen. Sie hat mich nicht als ganze Person gesehen. Ich war nur die Person mit einer Hör-Behinderung. Und ich sollte auch noch ein tolles Beispiel für andere sein. Das macht mich wütend.

Obwohl ich behindert bin

„Wow! Schau mal, was er trotz seiner Behinderung kann!“ Solche Sätze höre ich oft. Sie sind meistens nett gemeint. Trotzdem fühlen sie sich für mich nicht gut an. Weil man denken kann: Es ist wegen meiner Behinderung eigentlich unmöglich, dass ich diese Dinge schaffe. Meine Behinderung ist aber nicht das Hindernis.

Fehlende Untertitel und Menschen, die nicht an Barrierefreiheit denken, sind Hindernisse. Ich war in der Schule im Hör-Verstehen gut, obwohl diese Art der Prüfung ableistisch ist. Ableistisch kommt aus dem Englischen und heißt: Menschen mit Behinderungen werden schlechter behandelt oder ausgegrenzt.

Dann schaff ich das erst recht

Inzwischen habe ich ein wichtiges Wort kennengelernt. Das Wort beschreibt genau, wie sich solche Situationen für mich anfühlen: Inspiration Porn.

Inspiration Porn bedeutet: Menschen mit Behinderungen werden gezeigt oder erwähnt, um nicht-behinderte Menschen zu inspirieren oder zu motivieren. Inspirieren und motivieren heißt zum Beispiel: Menschen sehen andere Menschen und möchten dann auch so sein wie sie.

Menschen mit Behinderungen sollen ein tolles Beispiel für andere sein. Nicht-behinderte Menschen sollen denken: Wenn die Person mit Behinderungen das trotz ihrer Behinderungen schafft, dann schaffe ich meinen Alltag erst recht.

Eine Frau schaut m it freundlichen Blick in die Kamera. Sie hat kurze Haare und benutzt einen Rollstuhl.
Das ist Stella Young.

Bei Inspiration Porn geht es nicht um einen ganzen Menschen, son- dern nur um die Behinderung. So ähnlich wie bei der Pornografie: Bei Pornografie geht es auch nicht um die Menschen, sondern um ihre Körper.

Die australische Journalistin und Behinderten-Rechts-Aktivistin Stella Young hat viel über Inspiration Porn gesprochen. Sie hat mit der Glasknochen-Krankheit gelebt. Das ist eine Stoffwechsel- Krankheit, die zu einer geringeren

Stabilität der Knochen führt. Stella Young hat oft vor Publikum über ihre Erfahrungen geredet.

Nicht eure Inspiration

Ich finde, dass auch die Paralympics ein Beispiel für Inspiration Porn sind. Die Paralympics sind ein internationaler Sport-Wettbewerb für Sportler*innen mit körperlichen Behinderungen. Viele Menschen schauen die Paralympics an und denken: Die Person ohne Arme kann so gut schwimmen, da kann ich auch Sport machen. Die Sport-ler*innen werden nicht als Profis gesehen, sondern als Motivation für andere.

Das fühlt sich falsch an. Sportler*innen ohne Behinderungen werden dafür gefeiert, dass sie so tolle Sportler*innen sind. Sportler*innen mit Behinderungen werden dafür gefeiert, dass sie mit ihrer Behin- derung überhaupt Sport machen.

Ich will nicht bewundert werden, nur weil ich lebe. Wie schon Stella Young gesagt hat: Ich bin nicht eure Inspiration.

Geschrieben Von

Johannes Scheucher

In Einfacher Sprache von

Constanze Busch

Fotografiert von

Josie Hayden / Newspix