Unsere Autorin Leonie Schüler hatte noch nie
eine gynäkologische Untersuchung
bei einer Frauen-Ärztin.
Viele Ärzt*innen wollen sie
wegen ihrer Behinderung nicht behandeln.
Und viele trauen ihr keine sexuelle Selbst-Bestimmung zu.
Ich hatte vor 2 Jahren zum ersten Mal Sex. Nach meinem ersten Mal wollte ich zu einer Frauen-Ärztin gehen. Ich habe sogar eine barrierefreie Praxis gefunden. Aber die Ärztin wollte mich nicht unter-suchen. Sie hatte Angst, mich mit den Geräten zu verletzen.
Ich habe Infantile Zerebral-parese. Das ist eine körperliche Behinderung. Ich habe dadurch Muskel-Spastiken. Das sind kurze, unkontrollierte Verkrampfungen, die auch im Inneren des Körpers auftreten können. Ich kann die Ärztin sogar verstehen. Trotzdem war ich frustriert, dass sie mich nicht untersuchen wollte. Ich habe ja auch penetrativen Sex. Penetrativ heißt: Ein Mensch dringt mit einem Körperteil in meine Vagina ein. Wieso funktioniert das mit der Untersuchung dann nicht?
Ich hatte noch nie eine gynäko-logische Untersuchung. Bei einer gynäkologischen Untersuchung schaut die Frauen-Ärztin die Vagina auch von innen an. Diese Unter- suchung soll jedes Jahr gemacht werden. Das ist sehr wichtig, zum Beispiel um Krebs-Erkrankungen früh zu erkennen. Die Untersuchung ist besonders wichtig, wenn man Sex hat.
Frauen mit Behinderungen werden in ihrer Sexualität oft nicht richtig ernst genommen. Es gibt wenig Wissen darüber, wie man uns behandelt. Und oft behandelt man uns dann eben gar nicht. Es gibt zu wenig Versorgung für Frauen mit Behinderungen.
Das geht schon bei der Barrierefreiheit los: Nur etwas mehr als jede
dritte Praxis in Deutschland ist barrierefrei. Aber auch wenn sich Praxen barrierefrei nennen, sind sie oft trotzdem nicht für alle Menschen zugänglich. Es gibt zum Beispiel nicht immer eine rollstuhl-gerechte Toilette. Oder Informationen in Leichter Sprache. Oder einen Lifter. Den brauche ich, um auf einen Stuhl bei der Frauen-Ärztin zu kommen.
Kein Kinder-Wunsch
Ich will nicht schwanger werden. Es ist medizinisch nicht klar, ob eine Schwangerschaft für mich gefährlich wäre. Und ich weiß nicht, ob die Spastiken einem ungeborenen Kind schaden könnten. Ich gehe also nicht wegen einem Kinder-Wunsch zur Ärztin, sondern einfach für meine Gesundheit.
Andere Frauen nehmen oft hormonelle Verhütungs-Mittel, wenn sie nicht schwanger werden wollen. Zum Beispiel die Pille. Bei mir ist das schwierig. Ich habe lange die Pille genommen. Aber ich bewege mich wegen meiner Behinderung wenig. Und ich werde dieses Jahr 34 Jahre alt. Deswegen habe ich durch die Pille eine hohe Gefahr, eine Thrombose zu bekommen. Bei einer Thrombose entstehen kleine Klumpen im Blut, die gefährlich werden können.
Ein anderes Verhütungs-Mittel ist die Spirale. Die Spirale wird in die Gebärmutter eingesetzt. Das müss- te man bei mir in Vollnarkose ma- chen. Es gibt aber ein großes Risiko, dass die Spirale bei mir verrutscht. Man kann zur Verhütung auch einen Ring in die Vagina einsetzen.
Das kann ich nicht selbst machen. Deswegen müsste mir jeden Monat eine andere Person den Ring einsetzen. Verhütung ist für mich also mit sehr viel Aufwand verbunden. Dadurch habe ich beim Sex ein größeres Risiko als viele andere Frauen.
Sexualität im Beratungs-Gespräch
Aber Sex wird nicht erst dann zum Thema, wenn man ihn hat. Auch vor meinem ersten Mal war ich bei einer Frauen-Ärztin. Ich wollte mich beraten lassen. Im Gespräch mit der Ärztin wurde deutlich: Sex ist vor allem eine Gefahr. Die Ärztin meinte damals: Ich soll doch froh sein, dass ich keinen Sex habe. Dann brauche ich mir auch keine Sorgen um Geschlechts-Krankheiten zu machen. Und dann ist auch keine Untersuchung nötig.
Ich hatte das Gefühl: Die Ärztin nimmt mich nicht ernst. Und sie will mich nicht selbst über mein Leben entscheiden lassen. Sie hat Sexualität als etwas Schlechtes dargestellt. Es ging nur um Krankheiten. Ich verstehe, dass Ärzt*innen jungen Mädchen sagen: Sei vorsichtig.
Aber ich bin eine erwachsene Frau. Die Sexualität von Menschen mit Behinderungen ist in der medizinischen Versorgung oft unsichtbar. Wir sollen lieber keinen Sex haben. Dann muss man sich nicht bemühen, uns eine gerechte Behandlung zu ermöglichen.
Ich glaube: Ärzt*innen sind oft unsicher und haben keine Erfahrung. Oder sie haben Vorurteile über Menschen mit Behinderungen. Für Betroffene bedeutet das oft Frust und Stress, obwohl es um etwas ganz Alltägliches geht. Für mich ist Sexualität etwas Schönes, Selbst-bestimmtes und Normales. Sex tut mir gut und kann mir helfen, meine Muskel-Anspannung zu senken. Dadurch fühle ich mich wohler in meinem Körper. Sexualität ist für mich also nicht nur schön, sondern hilft auch meiner Gesundheit.
Hoffnung auf bessere Versorgung
Ich habe ein Recht auf meine Sexualität. Und ein Recht auf meine Gesundheit. Ich finde: Alle Ärzt*innen müssen besser lernen, auch Menschen mit Behinderungen zu behandeln. Das fordern auch mehrere Behinderten-Verbände von dem deutschen Gesundheits-Ministerium.
Ich wünsche mir, dass meine Gesundheit ernst genommen wird. Dass mich irgendwann eine Frauen-Ärztin untersucht, die sich auskennt. Und ich hoffe, dass sie dann feststellt: Es ist alles in Ordnung, ich bin gesund. Obwohl zu lange nicht nachgeschaut wurde.
Geschrieben Von
Leonie Schüler
Fotografiert von
Marie Haefner