Bianca Riedmann erzählt, wie stark ihre Behinderung ihr Leben beeinflusst
Bianca nutzt einen Rollstuhl. Und Bianca liebt das Reisen und gute Restaurants. Aber ihre Behinderung nimmt
mehr Raum in ihrem Leben ein,
als andere Menschen oft denken.
Hier schreibt sie über einen Satz,
der sich für sie nicht richtig anfühlt.
Es gibt einen Satz, den ich immer wieder lese. Menschen mit Behin- derungen schreiben manchmal über sich selbst: „Meine Behinderung de- finiert mich nicht.“ Definieren heißt: bestimmen oder beschreiben.
Ich verstehe gut, was mit dem Satz gemeint ist. Menschen wollen zeigen: Sie sind mehr als das, was man sieht. Mehr als der Rollstuhl oder das Hörgerät. Mehr als die Momente, in denen es ihnen nicht gut geht. Sie wollen als ganzer Mensch wahrgenommen werden: mit Stärken, Träumen, Fehlern und Gefühlen. Manchmal sagen auch andere Menschen zu Menschen mit Behinderungen: Deine Behinderung definiert dich nicht. Das soll motivieren und Mut machen.
Ich lebe seit mehr als 20 Jahren mit ALS. Das ist die Abkürzung für Amyotrophe Lateral-Sklerose. Bei ALS gehen die Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark immer weiter kaputt. Sie können dann keine Infos mehr an die Muskeln senden. Dadurch schrumpfen die Muskeln und werden lahm. Ich sitze deswegen schon lange im Rollstuhl und kann
mich nur noch wenig bewegen.
Meine Behinderung bestimmt vieles
Auch ich möchte nicht auf meine Behinderung reduziert werden. Das tut weh. Es fühlt sich an, als würden Menschen nur einen kleinen Ausschnitt von mir sehen. Und trotzdem fühlt sich der Satz „Meine Behinderung definiert mich nicht“ für mich nicht ganz richtig an. Denn eigentlich definiert mich meine Behinderung schon. Meine Behinderung ist ein Teil von mir, und zwar ein großer. Denn die Welt ist so gebaut, dass sie mich ständig an meine Behinderung erinnert.
Meine Behinderung entscheidet mit, wohin ich gehen kann und wohin nicht. Meine Behinderung beeinflusst, wie viel Kraft ich am Tag habe. Sie bestimmt, welche Hobbys möglich sind. Ob ich spontan sein kann oder ob ich alles genau planen muss.
Ich musste in eine barriere-freie Wohnung ziehen. Alle Möbel müssen so stehen, dass ich mit dem Rollstuhl genug Platz habe. Ich konnte mir nicht die Couch aussuchen, die mir am besten gefällt.
Ich musste die nehmen, auf der ich mit meiner eingeschränkten Kraft am besten sitzen kann.
Meine Behinderung bestimmt sogar meine Reise-Ziele. Ich muss vorher wissen, ob dort Wege, Unterkünfte und Verkehrsmittel für mich zugäng- lich sind. Und ob der Ort mir Freiheit gibt oder mir neue Grenzen setzt.
Bewegungen, mein Aussehen. Und damit auch das Bild, das ich von mir selbst habe. Sie spielt sogar eine Rolle dabei, mit welchen Menschen ich gerne zusammen bin – und mit welchen nicht. Denn sie beeinflusst auch, wie andere mich anschauen. Manchmal spüre ich neugierige Blicke, manchmal Unsicherheit oder Mitleid. Das kränkt mich, macht mich manchmal wütend oder traurig – auch wenn ich mir wünsche, es würde mir nichts ausmachen.
All diese Erfahrungen haben meine Gedanken geprägt. Ich spreche heute über andere Dinge als früher. Ich denke viel über Gerechtigkeit und Sichtbarkeit nach. Die Erfahrungen haben beeinflusst, was mir wichtig ist und wofür ich kämpfen möchte. Meine Behinderung definiert mich also auch auf diese Art.
Natürlich bin ich nicht nur meine Behinderung. Ich bin vieles mehr. Ich bin einfühlsam, lustig, neugierig. Aber meine Behinderung gehört zu mir – seit mehr als 20 Jahren. Sie ist ein Teil meiner Geschichte. Sie hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin.
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