Gehalten werden

Über ein Gefühl der Verbundenheit
Zwei Mädchen liegen übereinander. Das Mädchen auf der linken Seite hat lange blaue Haare. Das Mädchen auf der rechten Seite hat kurze rote Haare. Der Hintergrund ist blau und rosa. Rechts unten steht ein Stapel Bücher.

Geschrieben von

Lisa-Marie Lehner hat lange versucht,
ihre Behinderung durch
mehr Leistung zu verstecken.

Heute hat sie einen Namen
für ein Gefühl,
das ihr oft gefehlt hat.
Es geht um Nähe
zu anderen Menschen.
Aber Nähe ist nicht immer gleich.

Seit meiner Jugend habe ich eine besondere Freundin. Sie hat für mich Sätze wiederholt und auf Din- ge gezeigt. Anstatt zu flüstern, hat sie mir in der Schule Botschaften an den Rand ihres Mathe-Hefts geschrieben. Für mich war das besonders, weil ich sie nie darum gebeten habe. Ich habe ihr anfangs kurz erzählt, dass ich schwerhörig bin. Danach habe ich kaum mehr darüber gesprochen. Aber sie hat Rücksicht auf meine Barrieren genommen, bevor ich es selbst getan habe.

Deswegen habe ich mich mit dieser Freundin schon immer sehr sicher gefühlt. Für mich heißt das: Ich werde nicht nach meinen Barrieren beurteilt. Die Welt ist für hörende Menschen gemacht und ich passe da nicht immer hinein. Es ist für mich immer sehr besonders, wenn Menschen daran denken.

Wenn ich mich sicher fühle, wie bei meiner Schul-Freundin, entspannt sich mein Körper. Für dieses Gefühl hatte ich lange keinen Namen. Heute habe ich einen Namen dafür: Access Intimacy.

Access Intimacy ist Englisch und heißt: Zugangs-Intimität. Intimität heißt: sich nah fühlen und verstehen, wie die andere Person sich fühlt. Die Autorin und Aktivistin Mia Mingus hat den Namen Access Intimacy be- kannt gemacht. Das Gefühl entsteht, wenn eine andere Person selbstver- ständlich daran denkt: Das brauche ich, damit ich dabei sein oder mit- machen kann. Es ist ein tiefes Gefühl von Erleichterung. Access Intimacy kann für jede Person anders sein. Sie kann bei allen Menschen entstehen, egal ob sie Behinderungen haben oder nicht.

Erzwungene Nähe

Es gibt noch ein anderes Gefühl, das ich schon lange kenne. Das Gefühl hat auch mit Nähe zu tun. Aber es ist nicht angenehm. Als ich sechs Jahre alt war, wurde festgestellt: Ich bin schwerhörig. Im Ohr gibt es ungefähr 20 Tausend Sinnes- Härchen. Sie sitzen in einem Teil vom Ohr, der Hör-Schnecke heißt.

Die Härchen sollen dabei helfen, dass man Geräusche hört. Bei mir können die Härchen das nicht gut. Deshalb nutze ich jetzt Hör-Geräte. Es war lange sehr schwierig für mich, Menschen von meiner Schwerhörigkeit zu erzählen. Ich habe viele unangenehme Situationen erlebt. Manchmal wollten Menschen, dass ich Sätze nachspreche. Sie wollten wissen, wie viel ich höre. Manche fragten, ob ich meine Hör-Geräte überhaupt trage. Für andere war das lustig. Für mich war es ein ekel-haftes Gefühl.

Mia Mingus hat auch für dieses Gefühl einen Namen: Forced Intimacy. Das ist Englisch und heißt: erzwungene Nähe. Mia Mingus meint damit: Menschen mit Behinderungen müssen oft sehr persönliche Dinge erzählen, damit sie dabei sein oder mitmachen können. Auch wenn Menschen mit Behinderungen die Dinge vielleicht nicht erzählen wollen. Mia Mingus sagt: Solche Situationen zeigen, dass Menschen ohne Behinderungen mehr Macht haben als Menschen mit Behinderungen.

Alles verstehen

Ich habe meine Schwerhörigkeit oft versteckt. Ich hatte Angst, dass andere Menschen mich ablehnen. Deshalb habe ich mich sehr angestrengt, in Gesprächen alles zu verstehen. Und ich habe mir Aus- reden überlegt, wenn ich etwas falsch verstanden habe. Ich wollte unbedingt dazugehören.

Mia Mingus hat auch geschrieben: Menschen ohne Behinderungen unterstützen eine Person mit Behinderungen vor allem dann, wenn sie diese Person mögen. Das habe ich selbst auch so gefühlt. Lange habe ich geglaubt: Ich muss dafür bezahlen, dass andere Menschen mich annehmen oder mögen.

Ich war nett und dankbar. Ich habe viel auf andere Menschen geachtet. Ich habe auf diese Weise versucht, klar-zukommen und mich zu schützen. Gleichzeitig verhindert so ein Ver- halten echte Nähe. Denn für echte Nähe müssen beide Menschen zeigen: Ich bin verletzlich.

Zu Licht tanzen

Verletzlichkeit und Access Intimacy haben immer zu meinem Leben gehört. Meine Oma war eine der ersten Personen, mit der ich diese Form von Nähe teilte. Ich war ein Kind. An einem Nachmittag im Spät- Sommer haben wir in der Haus-Ein- fahrt getanzt. Ohne Musik. Oma hat ihre Krücken bewegt. Ich bin um sie herum gesprungen. Wir haben uns zu Licht-Punkten bewegt. Das Licht kam von der Sonne, die durch die Bäume schien. Es sah auf dem Boden wie kleine Punkte aus.

Später hat meine Oma oft erzählt, dass ich damals so „liab“ getanzt habe. Ich glaube: Das war einer der Momente, in denen sie es auch tun konnte. Mia Mingus schreibt: Men- schen mit Behinderungen fühlen

sich oft verbunden, weil sie ähnliche Dinge erlebt haben.

Heute ist Access Intimacy für mich die wichtigste Art von Nähe. Ich teile sie mit verschiedenen Menschen: Freund*innen, Kolleg*innen, manchmal auch mit Fremden. Access Intimacy kann ganz verschieden sein. Ein Lächeln. Ein langes Gespräch. Gemeinsam schreien. Eine Berührung. Es gibt für Access Intimacy keine Anleitung. Es ist das Gefühl, gehalten zu werden. Das Gefühl, wenn es im Bauch warm wird.

Wenn ich meine Oma sehr vermisse, besuche ich die Haus-Einfahrt mit den Pflaster-Steinen. Meine Oma hat sie selbst gepflastert. An manchen Tagen kommt die Sonne. Und dann tanzen zwischen meinen Füßen viele kleine Licht-Punkte.

Geschrieben Von

Lisa-Marie Lehner

In Einfacher Sprache von

Constanze Busch

Redaktion

Lisa Kreutzer / Kristina Kobl

Zeichnungen von

Lisa-Marie Lehner