Was es braucht, um gesund zu sein

Menschen mit Lern-Schwierigkeiten werden häufiger psychisch krank als andere Menschen. Trotzdem ist es für sie in Österreich besonders schwer, einen Therapie-Platz zu finden. Es fehlt an Wissen. Ein Wiener Forschungs-Projekt will das ändern.

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„Bei mir in der Wohn-Gemeinschaft drehen alle manchmal ein bisschen durch. Da ist es gut, hin und wieder hier zu sein”, sagt Lisa Rötzer. Sie sitzt auf der gemusterten Eck-Bank im Wohnzimmer ihrer Eltern in Wien. Lisa Rötzer ist 34 Jahre alt und wohnt eigentlich in einer betreuten Wohn-Gemeinschaft mit drei anderen Menschen mit Behinderungen – nur einige Minuten mit dem Auto entfernt.

Rötzer lebt mit Lern-Schwierigkeiten und einer psychischen Krankheit. Bei einer psychischen Krankheit ist das Denken und Fühlen verändert. Das macht den Alltag oft schwierig. Lisa Rötzers psychische Krankheit zeigt sich vor allem dadurch, dass ihre Gefühle stark wechseln. Manchmal ist sie extrem traurig, manchmal hat sie viel zu viel Energie. Ihre Krankheit heißt: bipolare manisch-depressive Störung. Ihre Diagnose war für sie eine Erleichterung: „Vorher wusste ich nicht, was mit mir los war. Jetzt weiß ich, was ich brauche, damit es mir gut geht.” Lisa Rötzer nimmt wegen ihrer Krankheit mehrere Medikamente und macht seit 20 Jahren Psycho-Therapie. Die regelmäßigen Gespräche helfen ihr, Erlebnisse zu verarbeiten: „Und manchmal nehme ich bei der Therapie einfach zwei Stifte und male wild auf Papier. Ich lass dort alles raus. Danach fühle ich mich immer geordneter.”

Aber dass Lisa Rötzer als Person mit Lern-Schwierigkeiten ihre Gedanken in der Therapie ordnen kann, ist in Österreich nicht selbstverständlich.

Lange Suche nach einem Therapie-Platz

Die Therapie-Suche ist ohnehin nicht leicht: Nur bei etwa 1 Prozent der Menschen in Österreich werden die Kosten für den Therapie-Platz von der Kranken-Kasse übernommen. Dabei brauchen laut Schätzungen etwa 9 Prozent der Menschen in Österreich Psycho-Therapie. Für Menschen mit Lern-Schwierigkeiten ist es noch schwieriger, Unterstützung zu bekommen. Dabei ist der Bedarf groß, denn Menschen mit Lern-Schwierigkeiten sind 3 bis 4 Mal häufiger von psychischen Störungen betroffen als Menschen ohne Lern-Schwierigkeiten. Viele Therapeut*innen kennen sich mit Behinderungen nicht aus. Vor allem auf dem Land gibt es wenig Angebote.

Die Leiterin einer Wohn-Einrichtung in der Steiermark erzählt: Für einen Bewohner mit Lern-Schwierigkeiten, der sich immer wieder übergriffig anderen Bewohner*innen gegenüber verhalten haben soll, hat ihr Team lange einen Therapie-Platz gesucht. „Wir haben dann eine Platz bekommen, der Therapeut konnte aber überhaupt nicht mit ihm reden”, erzählt die Leiterin. Mittlerweile wurde für den Bewohner ein passender Therapeut gefunden. Dessen Praxis ist aber 40 Kilometer entfernt. „Wir bringen ihn dorthin, weil wir merken, dass es wirklich etwas bringt”, sagt die Leiterin.

Eine andererseits-Recherche auf Österreichs größter Plattform für Psycho-Therapie PsyOnline bestätigt das Versorgungs-Problem. Auf der Plattform werden etwa für die Steiermark über 1.000 Therapeut*innen gelistet. Aber nur 38 dieser Therapeut*innen haben „Behinderungen“ als Kategorie angegeben. Einige weitere ADHS, Autismus sowie chronische Erkrankungen. Für die Steiermark scheint nur eine Therapeutin auf, die für blinde und sehbehinderte Patient*innen verfügbar ist, und eine weitere für gehörlose Menschen. Die Kategorie „Menschen mit Lern-Schwierigkeiten“ gibt es gar nicht.

Fehlendes Wissen, falsche Diagnosen

Es fehlt an Fach-Wissen bei Ärzt*innen und Therapeut*innen, meint Elisabeth Zeilinger, denn das werde im Studium kaum vermittelt. Zeilinger ist Psychologin und Forscherin. Sie sagt: „Wenn schon die Studierenden nichts über Menschen mit Lern-Schwierigkeiten hören, dann werden sie sich später auch nicht darauf spezialisieren und kennen sich nicht gut genug aus.“

Das kann schwere Folgen haben: Psychische Krankheiten werden bei Menschen mit Behinderungen nicht immer als solche erkannt, sondern die Symptome manchmal auf die Behinderung geschoben. In der Medizin gibt es dafür den Begriff: „Diagnostic Overshadowing“. Das ist Englisch und bedeutet: Für Ärzt*innen überschattet die Behinderung die psychische Erkrankung. Sie sagen dann vielleicht: Dass du schlimme Gedanken und Gefühle hast, liegt an deiner Behinderung. Ärzt*innen übersehen dadurch manchmal, was die Person eigentlich braucht.

Was als gesund und krank gilt, definiert die Welt-Gesundheits-Organisation. Sie sagt: Psychische Gesundheit ist ein Zustand des psychischen Wohlbefindens. Menschen muss es möglich sein, mit den Belastungen des Lebens umzugehen und ihre Fähigkeiten zu entfalten. Sie müssen gut lernen und arbeiten können. Und sollen einen Beitrag zu ihrer Gemeinschaft leisten können.

Zeilinger kritisiert diese Beschreibung: „Menschen mit Lern-Schwierigkeiten haben Schwierigkeiten beim Lernen. Und was genau ist gutes Arbeiten? Mit ihrer Definition sagt die Welt-Gesundheits-Organisation, Menschen mit Lern-Schwierigkeiten können gar nicht psychisch gesund sein. Das macht es schwer, zu erkennen, wenn jemand wirklich psychisch krank ist und Unterstützung braucht.“

Was braucht es, um gesund zu sein?

Elisabeth Zeilinger fordert: „Wir sollten das anders definieren. Wir sollten uns fragen: Was braucht es für die psychische Gesundheit von Menschen mit Lern-Schwierigkeiten? Dazu gibt es kaum Wissen.”

Deshalb hat die Psychologin in den letzten drei Jahren mit einem inklusiven Team an der Universität Wien zu dieser Frage geforscht. Das Team bestand aus vier Forscher*innen ohne Behinderungen und vier Forscher*innen mit Lern-Schwierigkeiten. Eine davon war Nicole Braunstein. Sie hat Lern-Schwierigkeiten und erzählt, dass sie viele Menschen mit psychischen Problemen kennt. „Ich schaue gut auf meinen Körper, weil ich gesund sein will. Und da gehört die Psyche genauso dazu.”

Für die Studie wurden 60 Menschen mit und ohne Lern-Schwierigkeiten gefragt: Was brauchst du für ein gutes Leben? Die Frage-Bögen wurden möglichst barriere-arm gestaltet. Das Ergebnis: Entscheidend für die psychische Gesundheit sind etwa das Wohlbefinden im eigenen Körper, ausreichend Bewegung, ein sicheres Zuhause und soziale Kontakte. Menschen mit Lern-Schwierigkeiten brauchen passende Unterstützung – wollen aber gleichzeitig selbst über ihren Körper und ihr Leben bestimmen. Das Ergebnis hat das Team auch in einem Bericht in Einfacher Sprache zusammengefasst.

„Wegen der Barrieren in unserer Gesellschaft sind viele dieser Dinge, die wir in der Studie herausgefunden haben, aber nicht einfach möglich“, sagt Nicole Braunstein. „Und die Gesundheits-Versorgung reicht nicht aus. Therapie ist oft teuer.”

Barrieren sind auch für Lisa Rötzer oft der Grund, warum sie in psychische Krisen gerät. Viele Ergebnisse aus der Studie sind auch für Lisa Rötzer wichtige Faktoren, damit sie psychisch stabil bleibt: „Ich rede viel mit Freund*innen und wenn es mir nicht gut geht, trösten mich oft auch meine Mitbewohner*innen. Ich gehe regelmäßig zum Schlagzeug-Unterricht oder zum Schwimmen. Das hilft mir, eine Struktur zu haben.”

Ihre Therapeut*innen sind für sie enge Vertrauens-Personen und Teil dieser Struktur. Lisa Rötzer nennt sie beim Vornamen: Sabine und Sissy. „Ich kenne sie ja, seit ich 14 bin. Ich weiß, dass ich sie immer anrufen kann. Und Therapeut*innen haben Schweige-Pflicht. Das heißt, sie dürfen niemandem erzählen, was ich ihnen gesagt habe. Da muss ich nicht überlegen, ob jemand danach schlecht über mich denkt.”

Geschrieben Von

Ramona Arzberger

Mitarbeit von

Artin Madjidi

Gezeichnet von

Simone Dueller

Fakten-Check

Emil Biller