„Alle Körper sind genug“

Die Künstlerin Katrin Bittl erzählt, wie das Kunst-Machen sie verändert hat
Eine Frau sitzt in einem Rollstuhl. Sie hat dunkle Haare und eine Brille. Sie schaut. mit freundlichen Blick in die Kamera.

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Katrin Bittl ist Künstlerin.
Sie ist 32 Jahre alt und lebt bei München.
Katrin Bittl nutzt einen Rollstuhl.
Sie macht vor allem Videos
von ihrem eigenen Körper.
Damit will sie zeigen:
Alle Körper sind in Ordnung.
Nicht nur Körper,
die die Gesellschaft „normal“ findet.

Eine Frau sitzt in einem Rollstuhl. Sie ist in einem Zimmer. Im Hintergrund ist ein weiße Wand, davor ein Computerbildschirm, eine Pflanze und ein Bücherregal.

Luise Jäger:
Warum sind Sie Künstlerin geworden?

Der Ausschnitt zeigt eine junge Frau. Sie hat dunkle Haare und eine Brille. Sie schaut. mit freundlichen Blick in die Kamera.

Katrin Bittl:
Ich wollte schon als Schul-Kind
gerne Geschichten erzählen.
Und ich habe mich sehr früh gefragt:
Warum werden Menschen mit Behinderungen
so anders gesehen und behandelt
als andere Menschen?
Deswegen wollte ich eigentlich
im sozialen Bereich arbeiten.
Das heißt:
mich um Menschen kümmern.

Aber ich habe bei dieser Arbeit
viel Diskriminierung erlebt.
Diskriminierung heißt:
Menschen werden schlechter behandelt als andere,
zum Beispiel wegen einer Behinderung.
Dann habe ich an der Kunst-Akademie
in München studiert.
Studieren heißt:
nach dem Schul-Abschluss weiter lernen.

 

Inzwischen arbeite ich als Künstlerin.
Ich möchte mit meiner Kunst Fragen darüber stellen,
wie die Gesellschaft über Körper denkt.

Christina Kobl schaut mit freundlichen Blick in die Kamera. Sie hat braune Haare und trägt ein schwarzes T-Shirt.

Kristina Kobl:
Was beschäftigt Sie

beim Thema Körper?

Der Ausschnitt zeigt eine junge Frau. Sie hat dunkle Haare und eine Brille. Sie schaut. mit freundlichen Blick in die Kamera.

Ich hatte früher gar keinen Bezug zu meinem Körper.
Und ich habe gemerkt:
Das geht vielen Menschen mit Behinderungen so.
Unsere Körper passen nicht dazu,
wie die Gesellschaft sich
einen „normalen“ Körper vorstellt.
Das will ich mit meiner Kunst ändern.
Ich wünsche mir:
Menschen sollen erkennen,
dass alle Körper cool sind.
Deswegen habe ich angefangen,
meinen eigenen Körper zu malen
und Videos von meinem Körper zu machen.
Da habe ich zum ersten Mal meinen Körper
richtig gesehen und wahrgenommen.

Christina Kobl schaut mit freundlichen Blick in die Kamera. Sie hat braune Haare und trägt ein schwarzes T-Shirt.

Wie stehen Sie heute
zu Ihrem Körper?

Der Ausschnitt zeigt eine junge Frau. Sie hat dunkle Haare und eine Brille. Sie schaut. mit freundlichen Blick in die Kamera.

Ich nutze einen Rollstuhl.
Im Spiegel sehe ich meinen Körper deswegen immer nur von vorne.
Ich habe ihn erst durch meine Kunst
von allen Seiten gesehen.
Das war sehr spannend für mich.
Früher dachte ich:

Mein Körper ist nicht genug.
Ich muss besonders schlaue Dinge sagen,
um etwas wert zu sein.
Jetzt weiß ich:
Auch mein Körper ist

ein wichtiger Teil von mir.
Er ist okay, so wie er ist.

Foto von Luise

Was ist ein besonders wichtiges

Kunst-Werk für Sie?

Der Ausschnitt zeigt eine junge Frau. Sie hat dunkle Haare und eine Brille. Sie schaut. mit freundlichen Blick in die Kamera.

Ich habe mal ein Video gemacht.

In dem Video pinkle ich

in eine viel zu kleine Porzellan-Tasse.

Die Tasse läuft dabei über.

Damit wollte ich zeigen:

Es gibt nicht genug barrierefreie Toiletten.

Mit solchen Kunst-Werken will ich

Menschen ein bisschen überfordern.

Dann denken sie über wichtige Themen

und ihre Vorurteile nach.

Foto von Luise

Wie verhalten sich Menschen,
wenn sie Ihre Kunst anschauen?

Der Ausschnitt zeigt eine junge Frau. Sie hat dunkle Haare und eine Brille. Sie schaut. mit freundlichen Blick in die Kamera.

Die meisten Menschen sind überfordert.
Viele Menschen lachen darüber,
vielleicht auch aus Überforderung.
Bei meinen Ausstellungen merke ich oft,
was andere Menschen
über Behinderungen denken.
Wenn ich im Ausstellungs-Raum bin,
glauben Menschen oft:
Ich bin nicht die Künstlerin,
sondern die Aufsichts-Person.
Aber andere Menschen mit Behinderungen
verstehen meine Kunst.
Sie fühlen sich dadurch oft gesehen.
Das ist mir am wichtigsten

Christina Kobl schaut mit freundlichen Blick in die Kamera. Sie hat braune Haare und trägt ein schwarzes T-Shirt.

Sie machen auch viel Kunst mit Pflanzen. Warum?

Der Ausschnitt zeigt eine junge Frau. Sie hat dunkle Haare und eine Brille. Sie schaut. mit freundlichen Blick in die Kamera.

Ich habe viel über Leistung nachgedacht.

Was bedeutet Leistung in der Gesellschaft?

Und was leisten Menschen mit Behinderungen?

Dabei habe ich gemerkt:

Pflanzen sind ein bisschen wie ich.

Sie brauchen Pflege und können sich

nicht alleine fortbewegen.

Und trotzdem leisten sie ganz schön viel.

Sie machen zum Beispiel

Sauerstoff zum Atmen.

Man sieht es nur nicht.

 

In einem Video liege

ich auf meinem Fußboden.
Um mich herum

stehen meine Zimmer-Pflanzen.
Meine Mutter gießt die Pflanzen und mich.
Ich will mit diesem Video auch zeigen:
Ich gehöre zur Natur.
Die Natur hat mich behindert gemacht.
Und das ist okay.

Foto von Luise

Worauf sind Sie stolz?

Der Ausschnitt zeigt eine junge Frau. Sie hat dunkle Haare und eine Brille. Sie schaut. mit freundlichen Blick in die Kamera.

Ich mag das Wort stolz gar nicht so gerne.
Ich verbinde es sehr mit Leistung.
Aber ich bin glücklich,
dass ich Kunst machen kann
und dass es mir gut geht.

Fragen von 

Luise Jäger

und von

Kristina Kobl

Fotografiert von

Sophie Wanninger

In Leichter Sprache von

Constanze Busch

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