“Das System Kranken-Kasse ist strukturell kaputt”

Anna*, ehemalige Mitarbeiterin einer Krankenkasse

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*Name von der Redaktion geändert

Ich rege mich auf, wenn ich an die Krankenkassen denke. Über zehn Jahre habe ich im Bereich Sachbearbeitung gearbeitet. Also an der Stelle, bei der Anträge und Widersprüche ankommen und bearbeitet werden. Am Ende war ich auch Teamleitung im Leistungsbereich. Widersprüche, Leistungsbewilligungen und Überprüfungen, das war meine Arbeit. Heute arbeite ich in einem anderen Bereich. Ich bekomme aber trotzdem noch einiges mit. Auch, weil ich natürlich auch meine persönlichen Erfahrungen mit Krankenkassen mache – gerade schreibe ich einen Widerspruch für meine Schwiegermutter.

Besonders schlimm finde ich die Kommunikation von Krankenkassen. Klar, man muss in den Briefen die Rechtsgrundlage nennen. Aber das muss man doch näher erklären. Wenn ich so einen Brief bekommen würde, würde ich mich so aufregen, weil man sie oft nicht verstehen kann. Man muss klar und deutlich sagen, warum was passiert oder nicht passiert. Schulungen in Leichter Sprache habe ich nicht erlebt.

Ich bin Sozialversicherungs-Fachangestellte, habe in der Flüchtlings-Hilfe gearbeitet und dort auch Bescheide vom Jobcenter gelesen. Ich habe diese Briefe nicht verstanden und mich dann gefragt: Wie soll denn jemand mit einer Sprach-Barriere diese Texte verstehen? Das regt mich wirklich auf.

Ich glaube an das System der sozialen Sicherung in Deutschland. In diesem System wird aber zu viel im Leistungskatalog gekürzt. In den 1990er Jahren wurde zum Beispiel das Sterbe-Geld gekürzt, oder Brillengestelle. Früher gab es die ja noch auf Kassenrezept. Ich kann verstehen, dass man bei bestimmten Sachen sagt: Wir können das nicht mehr bezahlen. Aber viele Menschen können sich dann eben auch einiges nicht leisten.

Mein Eindruck ist, dass Kranken-Kassen heute mehr ablehnen. Bei allem, was vom Standard abweicht, wird eher abgelehnt als früher. Ich will nicht sagen, dass es Ablehnungsquoten gibt. Der Ermessensspielraum wird weniger oder erst im Widerspruch genutzt.

Krankengeld-Management, Entgeltersatz-Leistungen, da wird auch übergriffig agiert. Da entscheidet schon mal der Medizinische Dienst nach Aktenlage, dass du wieder gesund bist. Aber das kann ja keine Grundlage für eine Entscheidung sein. Der Mensch sollte weiterhin im Mittelpunkt stehen.

Als Sachbearbeiter hast du eine Kennzahl. Da heißt es dann: Warum überschreitest du die durchschnittliche Zahl der Arbeits-Unfähigkeits-Tage? Oder warum ist dein Buchstaben-Bereich zu teuer? Da ist Kosten-Druck, der weitergegeben wird. Da kommt zwar keiner und nötigt dich zu etwas, aber deine Zahlen nötigen dich dann schon. Du wirst an deinen Zahlen gemessen.

Die Mitarbeitenden haben viel mehr Stress heute, der Umgangston ist rauer geworden. Das merkt man auch in den Krankenkassen. Früher wurde mehr auf Einzelfälle eingegangen. Heute wird eher abgelehnt. Es wird mehr ausgereizt: Wo kann ich denn doch noch eine Absage im ersten Schritt schicken? Damit die Versicherten einen Widerspruch stellen – wenn sie das dann machen. Erstmal Nein sagen. 

Das System Kranken-Kasse ist strukturell kaputt. Für gesetzlich Versicherte wird es eng. Aber warum gibt es überhaupt eine Privatversicherung? Warum gibt es eine Beihilfe für Beamte? Warum zahlen die Gutverdienenden nicht in dieses System ein? Die Gruppe, die in der gesetzlichen Krankenversicherung ist und nicht woanders sein kann, für die wird es eng. 

Geschrieben Von

Mareice Kaiser