Protokolle: Redaktion andererseits
Abends ins Kino, zum Geburtstag in die Staatsoper, mit Freundinnen und Freunden zu Konzerten am Gürtel oder im Musikverein. Das kulturelle Angebot in Wien ist für viele ein Grund für die hohe Lebensqualität in der Stadt. Doch für Menschen mit Behinderungen ist die Teilhabe am Wiener Kultur-Leben alles andere als selbstverständlich, fast überall stoßen sie auf Barrieren.
Darüber zeigten sich die Vereinten Nationen in einem Bericht aus dem Jahr 2023 besorgt. Die Prüfer*innen der Vereinten Nationen bemängelte, dass Menschen mit Behinderung keinen barrierefreien Zugang zu für die Allgemeinheit zugänglichen Kultur- und Freizeitaktivitäten haben.
Und das obwohl Österreich schon im Jahr 2008 die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ratifiziert hat. Darin steht, dass Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt am kulturellen Leben teilnehmen und sich künstlerisch frei entfalten können sollen. Ähnlich steht es auch im Bundes-Behinderten-Gleichstellungsgesetz. Das ist schon seit 2005 in Kraft.
Journalistinnen und Journalisten des inklusiven Magazin andererseits haben mit Menschen mit Lernschwierigkeiten, Geh-, Hör-, oder Sehbehinderungen gesprochen. Auf welche Barrieren stoßen sie in Wien? Und was wünschen sie sich für die Wiener Kultur. Heute beginnt Lena Öllinger.
Perspektiven wie diese gibt es bei andererseits. Hier arbeiten Menschen mit und ohne Behinderungen gleichberechtigt zusammen. Das inklusive Magazin macht unabhängigen Journalismus – zugänglich und kritisch. Aber andererseits geht gerade das Geld aus. Damit alle im Team ihren Arbeits-Platz behalten können, brauchen sie bis Ende Juni 7.000 Abos. Ermögliche inklusiven Journalismus: andererseits.org/abo
„In Rom durfte ich 2000 Jahre alte Mamorfiguren abtasten”
Lena Öllinger ist Juristin und Expertin für Barrierefreiheit. Sie lebt mit einer Sehbehinderung in Wien.
Wenn ich mich in der Wiener Kulturlandschaft bewege, stoße ich noch auf massive Widerstände. Als Mensch mit Sehbehinderung brauche ich zum Beispiel taktile Pläne, um mich zurechtzufinden. Auch Konzerte ohne Assistenz sind für mich fast unmöglich, weil die Orientierungssysteme für blinde Menschen kaum existieren. Veränderungen passieren nur langsam. Dabei ist das größte Problem meiner Meinung nach immer noch die Haltung: Barrierefreiheit als ein „Nice-to-have“ oder als Luxus zu betrachten.
Dabei profitieren alle davon: Wer über 40 Jahre alt ist und keine Lesebrille dabei hat, würde sich über größere Schrift und bessere Abstände in Programmheften genauso freuen wie ich. Und meiner Erfahrung nach scheitert es in Wien auch manchmal an der fehlenden Lockerheit und Aufklärung. In Rom durfte ich 2000 Jahre alte Marmorfiguren im Vatikanischen Museum abtasten; in der Albertina Modern werde ich sofort zurechtgewiesen, als ich näher an die Infowand gegangen bin, um überhaupt etwas lesen zu können.
Aber es gibt auch Orte, die zeigen, wie es geht. Als Inklusionsberaterin habe ich das neue Parlament beraten. Da funktioniert das sehr gut. Auch die „Relax-Performances“ der Vereinigten Bühnen Wien oder inklusive Tanz-Performances im Tanzquartier funktionieren für mich. Bei denen konnte ich die Bühne vorher ertasten.
Ich wünsche mir für das nächste Jahr ganz konkrete Veränderungen: Ich will in Museen mehr Modelle zum Anfassen und Informationen, die einfach als PDF verfügbar sind. Barrierefreiheit ist keine Hexerei. Man muss es nur wollen und die Community von Anfang an einbinden. Nur wenn die Welt barrierefrei ist, können wir alle gleichberechtigt teilhaben.
„Barrierefreiheit entstand oft erst, weil wir plötzlich da waren“
Elisabeth Löffler nutzt eine Rollstuhl und war eine der ersten Frauen mit Behinderungen der Tanz- und Performance-Szene in Wien.
Ich lebe in Wien und arbeite seit über 30 Jahren als Performance-Künstlerin. Mein Weg in die Kultur war alles andere als selbstverständlich: Bei der Berufsberatung wurde ich ausgelacht, als ich sagte, ich wolle Sängerin werden. An der Schauspielschule hieß es, ich könne nicht fechten oder reiten – ich solle doch lieber Hörspiel machen.
Ich blicke also als Kulturschaffende auf die Wiener Kulturszene. Hinter den Kulissen fehlen oft barrierefreie Toiletten oder Zugänge zu den Proberäumen. Ein riesiges Problem in Wien ist der Mangel an barrierefreien Proberäumen in der Innenstadt, dort, wo die Theater sind. Wenn Institutionen heute barrierefrei sind, dann oft deshalb, weil ich und meine Kolleginnen irgendwann da standen und gefragt haben: „Ich will auf diese Bühne – wie machen wir das jetzt?“
Auf der anderen Seite, als Zuseherin, erlebe ich als Rollstuhlfahrerin im Wiener Kulturbetrieb ständige Begrenzungen. Oft sind nur zwei oder drei Rollstuhlplätze vorgesehen. Das Thema ist nicht nur, ob man rein darf, sondern auch wo. In Australien gibt es oft die Wahlmöglichkeit, wo man sitzen möchte. In Wien steht man meistens am Rand oder ganz vorne. Das ist eine Form der Ausgrenzung. Man gehört erst dazu, wenn man mittendrin sitzen kann.
Ich wünsche mir mehr Bewusstsein für diese „kleinen“ Dinge: Dass man nicht jedes Mal extra anrufen muss, um sich anzumelden. Dass man nicht immer durch einen extra Eingang geschleust wird. Dass man uns einfach fragt, was wir brauchen. Barrierefreiheit sollte so leicht wie möglich gemacht werden. Denn Teilhabe ist ein Menschenrecht. Kein Gefallen.
„Ich will verstehen, worum es geht. Und ich will mitreden.”
Luise Jäger, Redakteurin bei andererseits, lebt mit Lernschwierigkeiten in Wien. Zuletzt hat sie eine Doku von andererseits über Zwangs-Sterilisationen bei Menschen mit Behinderungen moderiert.
Bei manchen Kultur-Sachen in Wien kann ich gut mitmachen. Aber bei anderen nicht. Ich gehe gerne ins Theater. Aber ich finde das wirklich nicht gut, wenn in schwieriger Sprache gesprochen wird. Man könnte vieles auch ein bisschen leichter machen. Ich will verstehen, worum es geht und ich will mitreden. Und wenn ich aus einem Stück komme, will ich, dass es mir gefallen hat. Aber was cool ist in Wien, ist zum Beispiel die Oper. Meine Oma hat mir die Karten geschenkt. Da gibt’s vorne einen Bildschirm, auf dem man mitlesen kann. Das finde ich super. Da sprechen sie schwierig, aber weil ich mitlesen konnte, habe ich es viel besser verstanden.
Ins Museum gehe ich auch gerne, zum Beispiel ins Naturhistorische. Mir gefallen die Tiere. Ich habe da auch mal eine Führung in Leichter Sprache gemacht.
In Kinos sehe ich manchmal die Stufen nicht. Es wäre so gut, wenn es überall Rampen gäbe, weil ich mir mit Stufen sehr schwer tue. Ich kann sie nicht so gut erkennen und habe oft Angst zu fallen und mich zu verletzen.
Ich möchte, dass es mehr Angebote in Leichter Sprache gibt. Und dass es mehr Rampen gibt. Ich finde einfach, es müssen alle Sachen barrierefrei sein, damit die Leute gut reinkommen.
„Inklusion soll nicht als Sonder-Projekt behandelt werden."
Pam Eden arbeitet als Gebärdensprach-Performerin und Schauspielerin. Sie lebt mit einer Hörbehinderung und hat den Wunsch, vielschichtige menschliche Rollen zu spielen. Sie möchte nicht nur auf ihre Behinderung reduziert werden.
Ich bin zweisprachig mit Lautsprache und Österreichischer Gebärdensprache (ÖGS) aufgewachsen. Dabei merke ich immer wieder: Viele Strukturen im Kulturbereich sind noch stark auf hörende Menschen ausgerichtet. Oft wird Barrierefreiheit erst spät mitgedacht oder als Zusatz verstanden und nicht als selbstverständlicher Teil eines künstlerischen Prozesses. Für mich und andere gehörlose Künstler bedeutet das oft viel zusätzlichen organisatorischen und emotionalen Aufwand. Wir müssen uns in Proben um die Kommunikation kümmern, erleben fehlende Zugänglichkeit oder treffen auf Menschen, die inklusive Arbeit nicht kennen und zu wenig über ÖGS wissen.
Ich wünsche mir, dass Inklusion nicht als Sonderprojekt behandelt wird. Sie sollte ein normaler Bestandteil von Kunst und Kultur sein. ÖGS, Untertitel im Kino, barrierefreie Kommunikation oder inklusive Besetzungen sollten von Anfang an eingeplant werden und nicht erst kurz vor der Premiere. Außerdem sollten Menschen mit Behinderungen selbstverständlich auch Rollen spielen dürfen, die nichts mit ihrer Behinderung zu tun haben.
Gerade im Theater oder bei Konzerten kann Barrierefreiheit eine kreative Bereicherung sein. Die Gebärdensprache bringt eine eigene Körperlichkeit und eine besondere Bildsprache mit, die eine Produktion erweitern kann. So können unterschiedliche Arten zu kommunizieren gleichwertig nebeneinander existieren. Das öffnet Räume für Menschen, die sonst oft ausgeschlossen werden.
Ich habe gerade mit dem Wiener Künstlerinnenkollektiv „makemake produktionen“ ein neues Stück in Laut- und Gebärdensprache entwickelt: „Fretten“ zurzeit zu sehen im im Kosmos Theater. ÖGS war von Beginn an Teil der Stückentwicklung. „Fretten“ basiert auf einem Text von der leider schon verstorbenen österreichischen Künstlerin Helena Adler. Er ist sehr bildlich. Für mich war es befreiend, dieses Stück zu spielen. Denn ÖGS war dabei nicht nur Mittel zur Barrierefreiheit, sondern ist selbst Teil der Kunst und Ästhetik geworden.
Protokolle Von
Redaktion andererseits
Fotos von
Philipp Horak, @timtom, Stefan Fürtbauer