Keine freie Fahrt

Wie barrierefrei ist die Deutsche Bahn?

Geschrieben von

Die Deutsche Bahn ist nicht zuverlässig. Verspätungen sind an der Tages-Ordnung. Doch für viele Menschen mit Behinderungen beginnen die Probleme schon vor der Abfahrt.

 

Dieser Text spielt in Deutschland.

Ich stehe am Bahnsteig und fühle mich irritiert. Die Durchsage aus dem Lautsprecher bricht immer wieder ab und klingt verzerrt. Deshalb kann ich die Durchsage nicht richtig hören. Ich werde nervös und fühle mich nicht gut informiert. Die meisten Informationen, die ich finde, sind nicht in einfacher Sprache. Und auf der Anzeige kann ich auch schlecht erkennen, in welchen Wagen ich einsteigen muss. Ich muss andere Menschen fragen oder im Zug hin und her laufen, bis ich meinen Platz gefunden habe.

Für mich bedeutet Reisen deshalb oft viel Stress. Mit den Barrieren der Deutschen Bahn bin ich nicht alleine. Ich habe Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen gefragt: Wie geht es euch beim Reisen mit der Deutschen Bahn?

Reisen nur nach Anmeldung

Ilias Emmanuil ist 34 Jahre alt und benutzt einen Rollstuhl. Er fährt häufig mit dem Zug und findet die Deutsche Bahn nicht richtig barrierefrei. Damit Ilias Emmanuil sicher mit dem Zug fahren kann, muss er mindestens einen Tag im Voraus den Rollstuhl anmelden. Im Gegensatz zu Menschen ohne Behinderungen kann er also nicht einfach spontan verreisen.

Und es ist auch nicht sicher, ob er im Zug einen Platz bekommt. Für Ilias Emmanuil fühlt sich das so an: „Ob man Hilfe bekommt, hängt oft vom guten Willen des Personals ab.“ Der Presse-Sprecher der Deutschen Bahn sagt auf anderer- seits-Anfrage: Ältere Züge haben drei Plätze für Rollstühle. Manche neuere Züge haben vier Plätze.

Die Reisenden sollten vorher ihre Fahrt anmelden. Am besten bis 20 Uhr am Tag vor der Reise. Die Anmeldung ist per Telefon, im Internet oder per E-Mail möglich.

Viele Rollstuhlfahrer*innen brauchen einen Rollstuhl-Lift am Bahnhof oder um in einen Zug einzusteigen. Laut dem Verein Interessens-Vertretung Selbst- bestimmt Leben in Deutschland (Abkürzung: ISL) werden Roll- stuhl-Lifte im Moment aber nur eingesetzt, wenn gerade zuständige Bahn-Mitarbeiter*innen im Dienst sind. Das heißt: Menschen mit Behinderungen haben kein Recht darauf, dass sie zu jeder Zeit Hilfe beim Einsteigen und Ausstei- gen bekommen. Der Verein ISL will das ändern und hat vor Gericht in Berlin geklagt.

Doch das Gericht wies die Klage zurück. Die Geschäfts-Führerin von dem Verein ISL Wiebke Schär kritisiert: „Das bedeutet, dass wir als behinderte Fahrgäste weiterhin vom guten Willen der Deutschen Bahn abhängig sind und nicht reisen können wie alle anderen auch.“

Zu wenig Informationen

Auch für blinde Menschen gibt es Barrieren. André Rabe ist 55 Jahre alt und lebt in Hamburg. Er ist von Geburt an blind. Rabe fährt häufig mit der Deutschen Bahn. „Wenn ich am Bahnsteig stehe, weiß ich oft nicht, ob ich mich am Haupt-Ausgang, in der Mitte oder am Zug- Ende befinde“, sagt er. Mithilfe der Umgebungs-Geräusche versucht er dann, sich zu orientieren. Es fehlen Informationen in Blinden-Schrift an den Handläufen der Treppen, um zu wissen, wohin die Treppen führen.

Fehlende oder zu schwierige Informationen sind auch für mich und andere Menschen mit Lern-Schwierigkeiten ein großes Problem. Auf den Anzeige-Tafeln sind die Informationen über die Züge, Verspätungen und Gleis-Wechsel klein geschrieben. Sie sind auch nicht in leichter oder einfacher Sprache. Auch die Website der Deutschen Bahn finde ich nur schwer verständlich.

Der Presse-Sprecher der Deutschen Bahn gibt auf andererseits-Nach- frage zu, dass die Internet-Seite oft sehr kompliziert geschrieben

ist. Er verweist auf Informationen in leichter Sprache und schickt mir einen Link. Aber von der Startseite der Internet-Seite aus finde ich die Informationen in leichter oder einfacher Sprache nicht direkt. Ich finde sie erst über die Suche mit dem Lupen-Zeichen. Aber viele Menschen mit Lern-Schwierigkeiten kommen mit so einer Suche nicht zurecht.

Ganz oben auf der Seite in leichter Sprache steht: „Wir möchten Ihnen gerne helfen, damit Sie auch ohne Ihren Betreuer Zug fahren können.“

Ich finde das unangenehm und abwertend. Die Deutsche Bahn glaubt anscheinend: Menschen, die leichte und einfache Sprache brauchen, sind im Alltag von ihren Betreuer*innen abhängig.

Auf der Seite steht auch: „Die Mit- arbeiterinnen und Mitarbeiter des Mobilitätsservice helfen Ihnen.“ Ich möchte aber allein reisen können, ohne vom Mobilitäts-Service abhängig zu sein. Dazu brauche ich keine Begleitung, sondern mehr Informationen in einfacher Sprache.

Viele Jahre bis zur Barriere-Freiheit

Ich habe das Bundes-Ministerium für Digitales und Verkehr gefragt, was die Politik für Barriere-Freiheit bei der Deutschen Bahn macht. Der Presse-Sprecher sagt: Es wird noch mehr als 30 Jahre dauern, bis die Deutsche Bahn barrierefrei ist. Es gibt etwa 5.700 Bahnhöfe. Viele sind sehr alt. Jedes Jahr werden bis zu 150 Bahnsteige barrierefrei umgebaut.

Dabei betont das Ministerium, dass Menschen mit Behinderungen bei der Deutschen Bahn eigentlich eine Stimme haben: Über 12 Tausend Menschen mit Schwer-Behinderung arbeiten bei der Deutschen Bahn. Eine eigene Arbeits-Gruppe, besetzt durch den Behinderten-Rat, soll sicherstellen, dass Bahnhöfe, Züge und Services inklusiver werden.

„Inklusion kommt ganz
am Schluss“

Der Forscher Andreas Knie sagt deutlich: „Die Deutsche Bahn ist nicht inklusiv.“ Er ist Professor an der Technischen Universität Berlin und forscht zur Deutschen Bahn. Früher hat er selbst für die Deutsche Bahn gearbeitet. Andreas Knie sagt: „Die Umsetzung dauert deshalb so lange, weil es für die Bahn keinen echten Anreiz gibt.“ Und es gibt derzeit zu viele Probleme. Denn die Deutsche Bahn muss im Moment sicherstellen, dass die Züge überhaupt fahren. Andreas Knie sagt: „Inklusion wird bei der Bahn nicht als eine der wichtigsten Aufgaben verstanden. Sie kommt ganz am Schluss.“

Geschrieben Von

Nikolai Prodöhl

In einfacher Sprache von

Constanze Busch

Gezeichnet von

LouBa

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