Körper im Krieg

Seit Beginn des Krieges leben in der Ukraine mehr Menschen mit Behinderungen. Unser Journalist Max Wochinger hat drei von ihnen in der Ukraine getroffen.
Ein Mann schaut in die Kamera. Er hat kurze braune Haare und trägt ein blaues Hemd.

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Viele Menschen denken bei Behinderung zuerst an etwas Angeborenes. Also an etwas, das ein Mensch schon seit der Geburt hat. Doch bei etwa 9 von 10 Menschen entstehen Behinderungen erst später im Leben. Durch Krankheit. Durch das Alter. Durch einen Unfall. Oder durch Krieg. 

In der Ukraine ist das seit Februar 2022 besonders sichtbar. Damals hat Russland die Ukraine angegriffen. Seitdem sterben dort jeden Tag Menschen. Etwa 300 Tausend Menschen wurden im Krieg verletzt.

Viele Menschen leben seither auch mit Behinderungen. Sie haben Füße oder Arme verloren. Manche sind erblindet oder können nicht mehr so gut hören. Viele Menschen leben seither auch mit psychischen Erkrankungen. Zum Beispiel mit Angst, Panik-Attacken oder Depressionen. Diese Behinderungen sieht man oft nicht sofort.

Männer und Frauen erleben den Krieg oft unterschiedlich. Viele Männer kämpfen an der Front. Deshalb werden besonders viele Männer getötet oder verletzt. Frauen sind oft anders betroffen. Sie erleben häufiger sexualisierte Gewalt. Viele haben auch finanzielle Probleme. Oder sie müssen allein für Kinder und Angehörige sorgen.

Der Krieg verändert deshalb auch den Blick auf Behinderung. Behörden und Hilfs-Organisationen müssen neue Antworten finden. Städte müssen barrierefreier werden. Menschen brauchen Therapien, Hilfsmittel, Arbeit und Geld.

Oksana Potymko war schon vor dem Krieg blind. Sie sagt: Die Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen werden heute stärker gebraucht. Sie können helfen, andere Menschen zu unterstützen, die durch den Krieg eine Behinderung bekommen haben.

Sie sagt, von den Verbesserungen haben am Ende alle Menschen etwas. Zum Beispiel von Rampen, abgesenkten Bordsteinen oder akustischen Ampeln. Aber wie geht es Menschen mit Behinderungen in der Ukraine heute wirklich?

Unser Reporter Max Wochinger ist in die Ukraine gereist, um dort mit Menschen mit Behinderungen zu sprechen. Mit schwerhörigen Menschen, mit Menschen mit körperlichen Behinderungen. Und mit Menschen, die durch den Krieg traumatisiert sind. Sie erzählen, was sich seit Kriegs-Beginn verändert hat. Welche Hilfe sie bekommen. Welche Hilfe fehlt. Und was sie sich für die Zukunft wünschen.

Ein Mann schaut in die Kamera. Er hat kurze braune Haare und trägt ein blaues Hemd.

Mykola Maztynov, 38, aus Kyiv

 

„Ich habe durch den Krieg alles verloren.“

 

„Ich habe bei einem russischen Raketenangriff fast mein komplettes Gehör verloren. Das ist Ende September 2025 passiert. Ich war mit meiner Familie in unserer Wohnung in Kyiv. Wir haben gehört, dass über uns am Himmel russische Drohnen fliegen. Dann gab es eine Explosion. Wir sind alle rausgelaufen, um uns mit dem Auto in Sicherheit zu bringen. Gerade als wir einsteigen wollten, schlug eine Rakete ins Haus ein. Die Druckwelle schleuderte uns zehn Meter weit weg. Ich hatte gerade mein Baby in den Armen gehalten, zum Glück ist ihm nichts passiert. Ich habe einen Freund verarztet, da sah ich die Leichen am Boden. Es war schrecklich. 

Ich habe auf dem rechten Ohr mein Gehör verloren. Auf dem anderen kann ich nur noch ein bisschen hören. Mein Leben hat sich durch den Angriff dramatisch verändert. Ich reagiere sehr sensibel auf Kindergeschrei. Auf der Straße ist es gefährlich für mich, da ich die Autos und Busse nicht höre. Einmal wäre ich fast angefahren worden, obwohl ich links und rechts geguckt habe. Meine Behinderung hat nicht nur Auswirkungen auf mich, sondern auch auf meine Familie. Auch mein linkes Bein wurde bei dem Angriff durch umherfliegende Metallteile verletzt. Ich kann nicht mehr stehen. Ich brauche eine Krücke.

Ich habe durch eine nicht-staatliche Organisation ein Hörgerät bekommen. Damit geht es mir viel besser. Ich besuche Kurse der Gehörlosenhilfe, um Zeichensprache und Lippenlesen zu lernen. 

Das Hörgerät hat umgerechnet 350 Euro gekostet. Das hätte ich mir nie leisten können. Ich habe durch den Krieg in der Ukraine alles verloren: meine Gesundheit, meine Karriere, mein Geld. Früher haben wir in Saporischschja in der Südukraine gewohnt. Ich war Verkäufer. Als der Krieg näher kam, sind wir in die Hauptstadt Kyiv geflüchtet. Nach dem Raketenangriff hatte ich einige Jobs. Ich wurde aber gefeuert, weil ich nichts verstehe. Meine Familie und ich leben von der Flüchtlingshilfe. 

Der Staat hat mir nur wenig geholfen. Hätte ich ihn um Hilfe gebeten, hätte ich eineinhalb Jahre auf ein Hörgerät warten müssen. Für den Behindertenausweis musste ich mehr als 20 Bescheinigungen und Dokumente vorlegen. Zweieinhalb Monate bin ich dafür zu Krankenhäusern gelaufen. Das fühlt sich unmenschlich an. 

Meinem Gefühl nach hat sich die Gesellschaft in der Ukraine verbessert. Wir alle in der Ukraine sitzen im selben Boot. Jeder versteht, dass die Bomben auch sie treffen können. In der U-Bahn bieten mir die Leute ihre Sitze an. Wenn ich die Ansage aus dem Lautsprecher nicht verstanden habe, sagen sie mir, welche Station als nächstes kommt.  

Auch die Stadt verändert sich zum Besseren. Kreuzungen werden inklusiver, Gehwege sind einfacher erreichbar und Zugänge zu Häusern oder Bahnstationen werden behindertengerechter. Es gibt immer mehr Leitstreifen für blinde Personen. Von diesen Maßnahmen profitieren nicht nur Menschen mit Behinderungen, sondern auch Radfahrer oder Frauen mit Kinderwagen.  

Ich glaube: Die Menschen werden auch nach dem Krieg noch hilfsbereit bleiben. Auch die staatliche Unterstützung wird zunehmen: Wenn der Staat weniger für die Verteidigung ausgeben muss, hat er mehr Geld für die Hilfe von Menschen mit Behinderungen.“

Ein Mann schaut in die Kamera. Er hat kurze blonde Haare, trägt eine Brille und ein dunkles langärmliges T-Shirt.

Ivan Grozan, 35, aus Kyiv

 

„Wo ist der Staat, wenn man ihn braucht?“

 

„Ich war dreimal in russischer Gefangenschaft. Ich komme aus Cherson, einer Stadt im Süden der Ukraine. Dort wird seit mehr als vier Jahren gekämpft. Im Sommer 2022 wurde ich zum ersten Mal gefangen genommen. Einige Monate später wieder. Beim dritten Mal, im März 2023, haben mich die Russen 15 Tage lang gefangen gehalten. Dabei bin ich ein einfacher Arzt, ein Zivilist. Die Russen wollten Informationen über ukrainische Soldaten aus mir herausprügeln.

Die Russen haben auf meinen Rücken und meine Beine eingedroschen. Sie haben mir Elektroschocks an meinen Ohren und am Penis verabreicht. Einmal wurde ich aus dem Gebäude in den Innenhof gebracht. Ich musste mit ansehen, wie sie andere Gefangene erschießen.

Vor neun Monaten bin ich nach Kyiv geflüchtet. Ich habe schwere Verletzungen an der Wirbelsäule und an den Beinen davongetragen. Wegen der Schläge auf meinem Körper ist mein linkes Bein kürzer als das rechte. Ich habe starke Schmerzen: Ich kann nicht lange gehen. Auch das Sitzen tut nach zehn Minuten weh. Ich muss mich ständig bewegen, also abwechselnd sitzen, stehen oder gehen. Mir geht es auch psychisch nicht gut. Ich habe oft Panikattacken, Schlafprobleme und Suizidgedanken.

Ich bin meistens zuhause. Ich arbeite zumindest weiterhin als Arzt. Wegen meiner Behinderung kann ich aber nur wenige Stunden arbeiten. Deshalb habe ich finanzielle Probleme. Ich bekomme Hilfe von einer Nicht-Regierungs-Organisation. Sie haben mir geholfen, wieder gesund zu werden. Meine ersten Aufenthalte in der Reha-Klinik musste ich jedoch selbst bezahlen.

Auf staatlicher Ebene gibt es keine gute Krankenversicherung. Und die Regierung hilft erst, wenn man einen offiziellen Status als Kriegsgefangener oder als behinderte Person hat. Die Behörden machen es einem aber schwer, diese Bescheinigungen zu bekommen. Die Ukraine ist ein sehr bürokratisches Land.  

Leider reagieren viele Menschen nicht sehr sensibel auf meine Verletzungen. Ich denke, dass jeder im Krieg seine eigenen Probleme hat. Manche Menschen im Bus oder in der U-Bahn geben ihren Platz für mich frei. Sie machen das, weil sie denken, dass ich ein ehemaliger Soldat bin.

Wenn ich meine Geschichte erzähle, reagieren die Leute überrascht. Sie glauben oft nicht, was ich erlebt habe. Vielleicht wollen sie diese schlimmen Erfahrungen verdrängen. Manche fragen mich unpassende Fragen. Darauf reagiere ich sehr stark und manchmal bekomme ich Panikattacken.

Die Regierung muss dafür sorgen, dass es mehr Plätze für Psychotherapien gibt. Der Bedarf ist riesig. Ich bin in Therapie, jedoch habe ich die Psychologin von einer Organisation vermittelt bekommen. Ich frage mich oft: Wo ist der Staat, wenn man ihn braucht?“

Ein Mann schaut mit ernstem Blick in die Kamera. Er hat kurze braune Haare. Er trägt ein Hemd, darüber eine gestrickte Jacke. Im Hintergrund sind mehrere Bäume.

Dmytro Ivanov, 38, aus Kyiv

 

„Ich habe mir früher nie Gedanken um Behinderte gemacht.“

„Es ist einen Tag vor meinem Geburtstag passiert. Am 27. Juli 2023. Meine fünf Kameraden und ich sollten unsere Position an der Front beziehen. Wir wurden früh mit einem Wagen so nah wie möglich an unsere Stellung gefahren. Die letzten vier Kilometer mussten wir zu Fuß laufen. Da wurden wir mit Granaten beschossen. Meine fünf Kameraden sind dabei gestorben. Ich bin der Einzige, der überlebt hat.  

Ich wurde am linken Bein getroffen. Ich habe stark geblutet, konnte die Blutung aber stoppen. Dann bin ich über ein Feld gerobbt und habe mich in einem Loch versteckt. Erst neun Stunden später wurde ich von ukrainischen Soldaten gerettet.  

Sie brachten mich in ein Krankenhaus. Die Ärzte konnten mein Leben retten. Mein Bein musste aber amputiert werden. Insgesamt hatte ich drei Amputationen: Immer wieder musste mehr vom Bein entfernt werden, weil Teile des Gewebes zerstört waren.

Meine Rehabilitation hat zwei Monate gedauert. Ich habe um eine Beinprothese kämpfen müssen. Tausende Kriegsveteranen und Zivilisten warten auf Prothesen. Als ich meine bekommen habe, musste ich erst wieder das Laufen lernen. Das war sehr anstrengend. Fast mein komplettes Bein wurde amputiert, deshalb kann ich meine Prothese nur schwer kontrollieren.

Ich habe mir früher nie Gedanken um behinderte Menschen und ihre Probleme gemacht. Ich wusste aber, dass sie große Einschränkungen haben, weil es damals nur wenige inklusive Orte in meiner Stadt gab. Ich komme ursprünglich aus Tschernihiw. Das ist eine Stadt in der Nähe der Grenze zu Weißrussland. Früher habe ich dort als Vertriebsmitarbeiter für Lebensmittel gearbeitet. Es war ein normales Leben: Arbeit, Partnerin, Freunde treffen.

Ich bin aus meiner Familie der Erste mit Behinderung. Mittlerweile lebe ich in Kyiv. Hier ist es einfacher für Menschen mit Behinderungen als in anderen Städten in der Ukraine. Trotzdem ist es für mich schwierig, mich hier zu bewegen. Die Randsteine vieler Gehwege sind zu hoch und es gibt viele Löcher im Asphalt. Das macht das Gehen schwierig: Schon nach 500 Metern kann ich nicht mehr. Der öffentliche Nahverkehr ist nur eingeschränkt für Menschen wie mich nutzbar. Es gibt nur wenige Stationen mit Aufzügen. Das ist auch ein Problem bei mir zuhause: Ich wohne im vierten Stock. Wenn es einen Stromausfall gibt, funktioniert der Aufzug nicht

Gleichzeitig hat sich in der Ukraine in den letzten vier Jahren viel für Menschen mit Behinderungen getan. Viele Hilfsorganisationen wurden gegründet. Es werden immer mehr Rampen und behindertengerechte Handläufe gebaut. Auch die Gehwege in Kyiv werden besser. Von der Inklusion profitiert jeder: In der U-Bahn bekommen ältere oder schwangere Menschen einen Platz angeboten. Das ist gut für alle. 

Mit der Hilfe des Staats bin ich im Ganzen zufrieden. Ich erhalte Urlaub, Kuren und eine Rente. Auch im Alltag habe ich Privilegien: Ich muss nicht in Läden in der Schlange anstehen und auf den Arzt brauche ich nicht zu warten. Ich arbeite in einem Zentrum für Kriegsveteranen. Ich bin dort Fahrer. Das Auto hat ein Automatikgetriebe. Hier treffe ich andere Kriegsveteranen. Das ist mir wichtig. Sie verstehen mich.” 

Fragen von

Max Wochinger

Mitarbeit von

Johannes Scheucher

Fotos von

Max Wochinger

Redaktion

Lisa Kreutzer

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