Barrieren in den Wiener Öffis

Vier Redakteur*innen von andererseits mit unterschiedlichen Behinderungen, wie Autismus, Lernschwierigkeiten, Geh- oder Sehbehinderungen, erzählen, auf welche Barrieren sie im öffentlichen Verkehr in Wien stoßen. Und was sie sich für die Wiener Öffis wünschen.

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Ein zu großer Spalt zwischen U-Bahn und Bahnsteigkante, zu kleine Schilder, fehlende Rampen, hohe Treppen, kaputte Aufzüge oder einfach kein Platz mehr für den Rollstuhl. Für Menschen mit Behinderungen sind die Wiener Öffis oft ein Hürdenlauf. 

Und das obwohl Österreich im Jahr 2008 die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen unterschrieben hat. Darin steht: Menschen mit Behinderungen müssen sich frei bewegen können und mobil sein können. Ähnlich steht es auch im Bundes-Behinderten-Gleichstellungsgesetz. Das gibt es in Österreich sogar schon seit 2005. Die Wiener Linien bemühen sich, die Situation zu verbessern. Zum Beispiel gibt es Echtzeit-Infos zu kaputten Liften und Notrufe bei den U-Bahn-Stationen. Wirklich barrierefrei sind die Öffis aber auch nach knapp 20 Jahren nicht.

Während die Busse der Wiener Linien bereits vollständig auf behindertengerechte -Fahrzeuge umgestellt wurden, sind bei den Bims und U-Bahnen noch immer alte im Einsatz. Die sind nicht barrierefrei. Auch bei den S-Bahnen der ÖBB. Und diese sind alles andere als barrierefrei. 85 alte Bims mit hohen Treppen fahren durch Wien. Also rund jede fünfte Bim können Menschen mit Rollstühlen nicht nutzen. Und das obwohl die Stadt Wien schon seit 30 Jahren nur noch barrierearme Straßenbahnen angeschafft hat. Die alten wurden aber nie aus dem Verkehr genommen.

Was das für Menschen mit Behinderungen bedeutet? Wer seinen Bim verpasst, kann nicht einfach die nächste nehmen. Wenn Menschen mit Behinderungen in Wien mit den Öffis fahren, müssen sie oft warten, bis ein Verkehrsmittel kommt, in das sie überhaupt einsteigen können. Und bauliche Barrieren sind nicht die einzigen Hindernisse, auf die Menschen mit Behinderungen im Wiener Stadtverkehr stoßen. 

Der Traum von reizarmen Öffis

Felicia Steininger ist Autistin. Ihre Leidenschaft ist es, wissenschaftliche Dinge so zu erklären, dass jede*r sie versteht.

Wien-Handelskai, zur Stoßzeit. Die U-Bahn fährt ein. In den Waggons stehen die Menschen schon dicht an dicht. Mir graut davor, in diesen Zug zu steigen, aber es hilft nichts, ich muss in die Arbeit. Ich quetsche mich also zwischen die anderen Fahrgäste hinein. Dabei ziehe ich die Arme an, um möglichst niemanden zu berühren. Der Zug donnert durch einen Tunnel. Neben mir hört ein Typ Musik. Irgendwo schreit ein Baby. Ich krame hektisch in der Jackentasche nach meinen Ohrstöpseln. Als ich sie ertaste, überkommt mich Erleichterung. Ich stecke sie mir in die Ohren, und sie dämpfen den Lärm ein wenig. Besser. Aber nicht gut.

Niemand mag überfüllte Züge. Für Autist*innen wie mich sind sie aber besonders anstrengend. Die meisten Menschen blenden unwichtige Hintergrund-Geräusche automatisch aus. Das können wir aber nicht. In lauten Umgebungen sind wir deshalb einem Gewirr an Reizen ausgesetzt, die unser Gehirn überfordern. Ich kenne Autisten, die deshalb gar keine Öffentlichen Verkehrsmittel nutzen können. Ganz wird man dieses Problem natürlich nie lösen können. Mein Traum wäre aber: reservierte, reizarme Sitzplätze für neurodivergente Menschen. Ähnlich wie jene für Personen mit körperlichen Behinderungen.

„Aussteigen vor Einsteigen, bitte“

Christoffer Koller nutzt einen Rollstuhl. Er beobachtet seine Umwelt gerne aus einer kritischen Perspektive.

Schon wieder kein Strich neben der U-Bahn Anzeige für den nächsten Zug. Erst beim übernächsten. Das bedeutet, die kommende Garnitur ist nicht barrierefrei. Auf den Anzeigetafeln der U-Bahn-Linien wird durch einen Unterstrich neben der Minutenanzeige gekennzeichnet, ob ein Zug einen barrierefreien Einstieg hat oder nicht. Wenn kein Strich angezeigt wird, gilt es, eine Stufe zwischen der Bahnsteigkante und dem U-Bahn-Waggon zu überwinden. Oftmals ist mir das als Rollstuhlfahrer zu mühsam, also warte ich. 

Das Ein- und Aussteigen lassen, müssen die Wiener*innen leider noch üben. Oft stehen Personen genau vor der Tür und machen keinen Schritt zur Seite. Oder sie steigen ganz langsam aus. Den Anlauf-Schwung, den ich mir geholt habe, um nicht wieder zwischen der Bahnsteigkante und dem gelben Einstiegsbrett der U6 hängenzubleiben, muss ich dann abbrechen. Damit ich den Aussteigenden nicht das Fußbrett meines Rollis schmerzhaft ins Schienbein ramme.

Angenehmer sind Bus und Bim. Da wird flugs die Bodenklappe ausgeklappt und fast immer schieben die Busfahrer*innen mit an, wenn der Winkel vom Gehsteig zum Bus zu steil sein sollte. Die alten Straßenbahnen hingegen, mit den Treppen-Einstiegen, und die alten S-Bahnen, gehören lieber gestern als heute aus dem Verkehr gezogen.

Einstieg einer alten Strassenbahn in Wien. Hochflurige Treppenstufen

Jede Endstation könnte ein eigenes Symbol haben

Luise Jäger hat Lernschwierigkeiten und eine Sehbehinderung. Dass sie die Öffis selbstbestimmt nutzen kann, ist ihr wichtig.

Ich fahre oft mit den Öffis in Wien. Aber das war nicht immer so. Früher habe ich das Fahren mit den Öffis geübt. Mir war es wichtig, dass ich alleine fahren kann. Jetzt klappt das schon gut. Aber ich finde es immer noch schwierig, dass die Schilder in den U-Bahnen so hoch oben sind. Ich muss meinen Kopf immer weit nach oben strecken. Das ist so mühsam. Wenn die Schilder etwas tiefer hängen würden, könnte ich sie besser lesen.

Aber vor allem sollten sie etwas größer sein. Die Schrift ist so klein, dass ich die nächsten Stationen nicht wirklich lesen kann. Deshalb finde ich es auch gut, wenn es Ansagen gibt. Die Ansagen sind auch wichtig für alle Menschen, die nicht lesen oder sehen können. Ich hätte eine Idee: Jede Endstation könnte ein eigenes Symbol haben. Zum Beispiel bei der U4 hat Hütteldorf einen Kreis und Heiligenstadt einen Stern. Das würde allen helfen, die nicht lesen können. Dann weiss man in welche Richtung es geht. Dann könnten noch mehr Menschen selbstbestimmt die Öffis nutzen.

„Ich habe meine Tricks“

David Tritscher ist in Wien aufgewachsen. Er hat eine Sehbehinderung, kennt sich aber gut im Wiener Öffi-Netz aus. Alleine fahren ist für ihn deshalb kein Problem.

Ich bin aus Wien und ich finde mich auch gut in den Wiener Öffis zurecht. Aber ich sehe nur zehn Prozent und klar gibt es da Barrieren. Zum Beispiel sind die Stationspläne von U-Bahn, Bus oder Bim oft klein. Aber ich habe meine Tricks. Meistens zoome ich mit dem Handy näher ran. Und wenn ich mich wo nicht auskenne, dann google ich einfach die Stationspläne. Ich schau dann mit auf meinem Handy, damit ich weiß, wo ich aussteigen muss. 

Ich selbst bin nicht vollblind und nutze auch keinen Blindenstock. Aber mir ist aufgefallen, dass viele Menschen die Leitlinien und Aufmerksamkeitsfelder verstellen. Das sind die Linien und Markierungen, die rund um die Öffi-Stationen am Boden verlaufen. Diese sogenannten Leitsysteme unterstützen blinde und sehbehinderte Menschen dabei, sich zu orientieren. Wenn diese Markierungen mit einem Koffer, einem Roller oder von Personen blockiert werden, dann haben blinde und sehbehinderte Menschen natürlich Probleme sich zurechtzufinden.

Geschrieben Von

Sebastian Gruber

Und von 

Ramona Arzberger

Fotos von

Ramona Arzberger