„Ich habe mir meinen Körper zurückgeholt“

Die Künstlerin Katrin Bittl erzählt, wie das Kunst-Machen sie verändert hat
Eine Frau sitzt in einem Rollstuhl. Sie hat dunkle Haare und eine Brille. Sie schaut. mit freundlichen Blick in die Kamera.

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Katrin Bittl ist Künstlerin und lebt mit einer körperlichen Behinderung. Mit ihrer Kunst will sie zeigen: Alle Körper sind in Ordnung. Ein Gespräch über Kunst, Behinderungen und wie man verändert, was als „normal“ gilt.

Eine Frau sitzt in einem Rollstuhl. Sie ist in einem Zimmer. Im Hintergrund ist ein weiße Wand, davor ein Computerbildschirm, eine Pflanze und ein Bücherregal.

Luise Jäger:
Warum sind Sie Künstlerin geworden?

Der Ausschnitt zeigt eine junge Frau. Sie hat dunkle Haare und eine Brille. Sie schaut. mit freundlichen Blick in die Kamera.

Katrin Bittl:
Ich wollte schon als Schul-Kind gerne Geschichten erzählen. Und ich habe mich sehr früh damit beschäftigt, warum Menschen mit Behinderungen wie ich so anders gesehen und behandelt werden als andere. Deswegen wollte ich eigentlich im sozialen Bereich arbeiten. Aber diese Arbeit hat für mich nicht funktioniert. Ich habe dort viel Diskriminierung erlebt. Dann habe ich an der Kunst-Akademie in München studiert. Inzwischen arbeite ich als freie Künstlerin und versuche mit meiner Kunst unter anderem, Körper-Bilder zu hinterfragen.

Christina Kobl schaut mit freundlichen Blick in die Kamera. Sie hat braune Haare und trägt ein schwarzes T-Shirt.

Kristina Kobl:
Was beschäftigt Sie

beim Thema Körper?

Der Ausschnitt zeigt eine junge Frau. Sie hat dunkle Haare und eine Brille. Sie schaut. mit freundlichen Blick in die Kamera.

Ich hatte früher gar keinen Bezug zu meinem Körper. Und ich habe gemerkt: Das geht vielen Menschen mit Behinderungen so. Uns wird der Körper oft abgesprochen. Er passt nicht in das Bild, das die Gesellschaft von einem „normalen“ Körper hat. Das will ich mit meiner Kunst ändern. Deswegen ist mein Körper für mich so ein wichtiges Werkzeug. 

Christina Kobl schaut mit freundlichen Blick in die Kamera. Sie hat braune Haare und trägt ein schwarzes T-Shirt.

Wie nutzen Sie Ihren Körper als Werkzeug?

Der Ausschnitt zeigt eine junge Frau. Sie hat dunkle Haare und eine Brille. Sie schaut. mit freundlichen Blick in die Kamera.

Ich habe angefangen, meinen eigenen Körper zu malen und Videos von meinem Körper zu machen. Da habe ich zum ersten Mal meinen Körper richtig gesehen und wahrgenommen. Ich nutze einen Rollstuhl. Im Spiegel sehe ich meinen Körper deswegen immer nur von vorne. Ich habe also sehr spät die Erfahrung gemacht, meinen Körper von allen Seiten zu sehen. Das war sehr spannend für mich. Und da habe ich auch gemerkt: So schlimm ist mein Körper ja gar nicht.

Foto von Luise

Was ist ein besonders wichtiges Werk für Sie?

Der Ausschnitt zeigt eine junge Frau. Sie hat dunkle Haare und eine Brille. Sie schaut. mit freundlichen Blick in die Kamera.

Ich habe mal ein Video gemacht, in dem ich in eine viel zu kleine Porzellan-Tasse pinkle. Die Tasse läuft dabei über. Damit wollte ich zeigen: Es gibt nicht genug barrierefreie Toiletten. Ich versuche oft, absurde Situationen darzustellen. Ich will die Menschen ein bisschen überfordern, damit sie über diese wichtigen Themen nachdenken und ihre Vorurteile hinterfragen.

Foto von Luise

Wie reagieren Menschen auf Ihre Kunst?

Der Ausschnitt zeigt eine junge Frau. Sie hat dunkle Haare und eine Brille. Sie schaut. mit freundlichen Blick in die Kamera.

Die meisten Menschen sind überfordert. Viele Menschen lachen darüber, vielleicht auch aus Überforderung. Bei meinen Ausstellungen merke ich oft an den Reaktionen, was andere Menschen über Behinderungen denken. Wenn ich im Ausstellungs-Raum bin, werde ich oft für die Aufsichts-Person gehalten und nicht für die Künstlerin. Aber Menschen, die auch mit Behinderungen leben, verstehen meine Kunst und fühlen sich dadurch oft gesehen. Das ist mir am wichtigsten. 

Christina Kobl schaut mit freundlichen Blick in die Kamera. Sie hat braune Haare und trägt ein schwarzes T-Shirt.

Sie arbeiten auch viel mit Pflanzen. Warum?

Der Ausschnitt zeigt eine junge Frau. Sie hat dunkle Haare und eine Brille. Sie schaut. mit freundlichen Blick in die Kamera.

Ich habe viel über Leistung nachgedacht. Was bedeutet Leistung in der Gesellschaft und was leisten Menschen mit Behinderungen? Dabei habe ich gemerkt: Pflanzen sind ein bisschen wie ich. Meine Zimmer-Pflanzen brauchen Pflege und können sich nicht alleine fortbewegen. Und trotzdem leisten sie ganz schön viel. Man sieht es nur nicht immer. Ich fände es schön, wenn wir uns von dieser Idee von Leistung freimachen würden, dass jeder Mensch immer gleich viel schaffen muss. 

 

In einem Video liege ich auf meinem Fußboden und um mich herum stehen meine Zimmer-Pflanzen. Meine Mutter gießt dann die Pflanzen und mich. Ich will mit dieser Arbeit auch zeigen: Ich gehöre zur Natur. Viele Menschen denken ja, dass Behinderung ein Fehler der Natur ist. Ich denke: Wenn Behinderungen nicht zum Leben dazugehören würden, dann wären wir nicht da. Die Natur hat mich behindert gemacht und das ist okay.

Christina Kobl schaut mit freundlichen Blick in die Kamera. Sie hat braune Haare und trägt ein schwarzes T-Shirt.

Wie stehen Sie heute zu Ihrem Körper?

Der Ausschnitt zeigt eine junge Frau. Sie hat dunkle Haare und eine Brille. Sie schaut. mit freundlichen Blick in die Kamera.

Ich nehme meinen Körper jetzt ganz anders wahr. Oder eher: Ich habe überhaupt erst angefangen, meinen Körper selbst wahrzunehmen und ihn nicht nur von außen bewerten zu lassen. Menschen mit körperlichen Behinderungen wird schon in der Schule oft vermittelt: Wenn dein Körper nicht funktioniert, musst du das ausgleichen und dich zum Beispiel besonders schlau ausdrücken. Jetzt weiß ich: Auch mein Körper ist ein wichtiger Teil von mir. Er ist okay, so wie er ist. Ich habe mir durch meine Kunst meinen Körper wieder angeeignet. Ich wünsche mir, dass Menschen erkennen, dass alle Körper cool sind. Das hat ja nicht nur mit Behinderungen zu tun. Das gesellschaftliche Bild von einem „normalen“ Körper ist insgesamt ein Problem.

Foto von Luise

Sie sind nicht nur Künstlerin, sondern auch Inklusions-Aktivistin. Was ist Ihnen wichtiger?

Der Ausschnitt zeigt eine junge Frau. Sie hat dunkle Haare und eine Brille. Sie schaut. mit freundlichen Blick in die Kamera.

Ich sehe mich gar nicht so sehr als Aktivistin. Vielleicht bin ich aus Versehen aktivistisch geworden. Ich nutze die Kunst, um wichtige Themen wie fehlende Barrierefreiheit und Körper-Normen sichtbar zu machen. Und deswegen muss man dann auch über diese Themen sprechen. Aber die Kunst ist mir immer wichtiger als der Aktivismus.

Foto von Luise

Worauf sind Sie stolz?

Der Ausschnitt zeigt eine junge Frau. Sie hat dunkle Haare und eine Brille. Sie schaut. mit freundlichen Blick in die Kamera.

Ich mag das Wort „stolz“ gar nicht so gerne. Ich verbinde es sehr mit Leistung. Aber ich bin glücklich, dass ich Kunst machen kann. Und dass es mir gut geht.

Fragen von 

Luise Jäger

und von

Kristina Kobl

Fotografiert von

Sophie Wanninger

Redaktion

Lisa Kreutzer

In Einfacher Sprache von

Constanze Busch

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