„Ich bekomme Panik-Attacken, wenn ich Briefe von der Krankenkasse öffne”, sagt Lea Müller. Und sie bekommt viele Briefe von ihrer Krankenkasse. Mittlerweile öffnet die meisten Briefe ihre Mutter. In den Briefen geht es um einen Antrag für einen Rollstuhl, mit dem Lea Müller mobil sein möchte. Ohne diesen Antrieb für den Rollstuhl kann Lea Müller keine längeren Strecken zurücklegen. Der Antrieb soll dafür sorgen, dass Lea Müller nicht so viel Kraft aufwenden muss, um mit dem Rollstuhl unterwegs zu sein. So kann sie auch längere Strecken fahren. Ihre Ärztin hat ihr den Antrieb für den Rollstuhl verschrieben, weil Lea Müller ihn braucht, um selbständig unterwegs zu sein.
„Ich dachte, ich reiche das Rezept ein und habe ein paar Wochen später endlich wieder die Möglichkeit, als junger Mensch am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben”, sagt Lea Müller. Sie ist 29 Jahre alt. Doch mehrere Jahre lang bewilligte ihre Krankenkasse den Antrieb nicht. Stattdessen schickte ihr die Krankenkasse viele Briefe. Und einen Rollstuhl ohne Antrieb. Mit dem Rollstuhl ohne Antrieb kann sie nicht lange unterwegs sein. Deshalb verbrachte Lea Müller ihr Leben in den vergangenen Jahren vor allem zu Hause.
Vor fünf Jahren hat Lea Müller hat gegen die Entscheidung der Krankenkasse Widerspruch eingelegt. Auch ihre Ärztin hat nochmal ausführlich begründet, dass Lea Müller diesen Antrieb braucht. Lea Müller bekam wieder eine Ablehnung. Sie legt nochmal einen Widerspruch ein. Viele Briefe. Irgendwann hatte Lea Müller einen Mitarbeiter der Krankenkasse am Telefon, der ihr sagte, dass sie den Antrieb bekommen wird.
Am nächsten Tag bekam sie die Nachricht von einer anderen Mitarbeiterin der Krankenkasse: „Tut mir leid, mein Kollege hätte sowas nicht sagen dürfen, ihr Widerspruch wurde abgelehnt.”
Lea Müller saß während des Telefonats im Auto mit ihrer Mutter und erinnert sich noch ganz genau an diesen Moment: „Da wäre ich am liebsten gestorben.” Zu dieser Zeit hat Lea Müller ihr Haus nur noch für Termine bei Ärzten oder Physiotherapie verlassen. Alles andere war zu anstrengend.
Anstrengende Kommunikation mit Krankenkassen kennt auch die Anwältin Anna Mehlmann. Sie ist spezialisiert auf die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen und ihren Angehörigen. Anna Mehlmann bearbeitet häufig juristische Auseinander-Setzungen mit Krankenkassen. Zum Beispiel wenn eine Person nach einem Widerspruch eine Klage einreicht. Dann unterstützt Anna Mehlmann sie.
Die Anwältin sagt: „Es handelt sich oft um fehlende Sachkenntnis.” Also fehlendes Fach-Wissen der Krankenkassen-Mitarbeiter*innen, die sich mit den Anträgen beschäftigen. Anna Mehlmann sagt, sie bemerke immer wieder, dass „Mitarbeitende von Krankenkassen oder vom Medizinischen Dienst nicht auf spezielle Behinderungs-Bereiche geschult sind”. Sie kennen sich also nicht aus mit dem Thema, über das sie entscheiden sollen. So entstehen auch Fehl-Entscheidungen. Anna Mehlmann sagt, dass viele Widersprüche Erfolg haben. Sie wird oft für Widerspruchs-Verfahren angefragt. „Daran sieht man ja schon, dass einiges falsch entschieden wird”, sagt die Anwältin.
Sie erzählt auch von ihrem Eindruck, dass Mitarbeitende von Krankenkassen dazu angehalten werden, Anträge abzulehnen. So sagte eine Mitarbeiterin mal zu ihr: „Mein Chef hat gesagt: ablehnen.” Ohne den Antrag genau zu prüfen. Deshalb kommt Anna Mehlmann zu dem Schluss: „Es handelt sich um eine flächendeckende, teilweise strukturelle Diskriminierung.” Sie meint damit: Es gibt also an vielen Orten eine Diskriminierung, die an den Strukturen der Krankenkasse liegt. Zum Beispiel wird manchmal einfach aufgrund der Akten-Lage entschieden. Dann wird nicht der Mensch angeschaut, sondern nur das, was in den Briefen steht.
Anna Mehlmann berichtet von einem Druck in den Krankenkassen, möglichst viel abzulehnen, damit sie nicht zu viel Geld ausgeben. So wird dann zum Beispiel ein Antrag abgelehnt, weil ein Arzt-Bericht fehlt oder weil ein Satz im Antrag steht, der nicht ganz hilfreich ist. Statt dann alles genau zu prüfen, wird erstmal abgelehnt.
Von diesem Druck in den Krankenkassen erzählt uns auch eine ehemalige Mitarbeiterin, die anonym bleiben möchte. Auch sie berichtet davon, dass der Medizinische Dienst aufgrund von Akten und Briefen entschieden hat, ob eine Person krank oder gesund ist. Sie berichtet davon, dass es in ihrer Krankenkasse eine Kennzahl gab. Wenn diese überschritten wurde, wurden Fragen gestellt. Zum Beispiel: Eine Sach-Bearbeiterin ist für die Buchstaben K-M zuständig und am Ende des Jahres wird klar, dass sie mehr Geld für Hilfsmittel bewilligt hat, als sie sollte. „Da ist ein Kosten-Druck, der weitergegeben wird”, sagt die ehemalige Mitarbeitern über ihre Zeit bei der Krankenkasse.
Genau wie die Anwältin beobachtet auch die ehemalige Mitearbeiterin der Krankenkasse eine Veränderung bei der Bearbeitung von Anträgen. „Früher wurde mehr auf Einzelfälle eingegangen”, sagt sie. „Heute wird eher abgelehnt.” Sie sieht auch eine Taktik der Krankenkassen, in dem sie erstmal eine Absage schicken, damit die Versicherten einen Widerspruch stellen – wenn sie das dann machen. Sie formuliert die Taktik so: „Erstmal Nein sagen.”
Hier liest Du das Protokoll der ehemaligen Mitarbeiterin der Krankenkasse.
Lea Müller kann die Briefe zu ihrem Antrag für den Antrieb des Rollstuhls mittlerweile nicht mehr zählen, so viele Briefe hat sie bekommen und geschrieben. Briefe von der Krankenkasse, Widersprüche, Antworten auf Widersprüche. Seit ihrem ersten Antrag für den Antrieb sind fünf Jahre vergangen. Fünf Jahre, in denen Lea Müller nicht so leben kann, wie sie möchte.
Lea Müller ist mit ihrer Erfahrung nicht alleine. Auf dem Instagram-Account von andererseits haben wir nach Erfahrungen mit Krankenkassen gefragt. Viele Personen haben sich mit ähnlichen Geschichten gemeldet. Eine Person schreibt: „Die Medikamente, die mir helfen, soll ich selber zahlen.” Eine andere Person schreibt: „Ich klage gerade wieder mal gegen die Krankenkasse.
Das zweite Mal für die selbe Angelegenheit. Mit Rechtsanwalt. Es ist zermürbend, anstrengend und man versteht es nicht.”
Doch solche Widersprüche bei Krankenkassen sind oft erfolgreich. Bei der Techniker Krankenkasse waren 53 Prozent der eingelegten Widersprüche im Jahr 2024 erfolgreich. Bei der Krankenkasse AOK waren es 40 Prozent.
Einen Widerspruch einzulegen kostet Zeit und Kraft und auch Mut. Belastend sind die Auseinandersetzung mit den Krankenkassen auch, weil sie oft so lange dauernd. Es braucht auch das Wissen, dass man das Recht hat, einen Widerspruch einzulegen. Viele Menschen haben dieses Wissen nicht. Dadurch, dass das Wissen fehlt, werden einige Widersprüche nicht gestellt und die Krankenkassen sparen dadurch Geld.
Dass es oft um Wirtschaftlichkeit geht, spürt auch Lea Müller. Einer der Gründe für die Ablehnung, die ihr zu ihrem Antrieb genannt wurden, war: „zu teuer”. Im Brief der Krankenkasse steht, der von ihr beantragte Antrieb sei “nicht wirtschaftlich” und, dass „dieser wirtschaftliche Aspekt berücksichtigt werden müsse”. Dass Lea Müller ohne diesen Antrieb den Großteil ihres Lebens zu Hause verbringen muss, scheint nicht wichtig genug zu sein für die Entscheidung. Die Krankenkasse schreibt: „Leistungen, die nicht notwendig oder unwirtschaftlich sind, können Versicherte nicht beanspruchen, dürfen Leistungserbringer nicht bewirken und die Krankenkassen nicht bewilligen.”
Hinzu kommt, dass viele Menschen die Briefe der Krankenkasse nicht verstehen können. Die Briefe der Krankenkasse sind oft in schwerer Sprache geschrieben. „Wenn ich so einen Brief bekommen würde, würde ich mich so aufregen, weil man sie oft nicht verstehen kann”, sagt die ehemalige Mitarbeiterin der Krankenkasse. Schulungen für Einfache oder Leichte Sprache hat sie in den vielen Jahren bei der Krankenkasse nicht erlebt.
Lea Müller hat sich entschieden, vor dem Sozial-Gericht gegen die Entscheidung der Krankenkasse zu klagen. Insgesamt zwei Jahre hat dieser Rechtsstreit gedauert. Dann hat die Krankenkasse Lea Müller Müller Recht gegeben. Nach zwei Jahren hat sie die Bewilligung für den Motor bekommen.
Für die Briefe der Krankenkasse hat sie ihrer Mutter eine Vollmacht gegeben. Lea Müller sagt: „Mental hat mich der Kampf mit der Krankenkasse fertig gemacht, die psychosomatischen Folgen auf meine Grund-Erkrankung sind massiv.” Damit meint Lea Müller: Der Kampf hat sich schlecht auf ihren Körper und auf ihre Gefühle und Gedanken ausgewirkt. Der Kampf um den Motor für ihren Rollstuhl hat ihren Körper krank gemacht. Lea Müllers bereits bestehende Krankheit ist dadurch schlimmer geworden.
Geschrieben Von
Nikolai Prodöhl
Und von
Mareice Kaiser
Fotografiert von
Nikolaus Urban
Redaktion
Lisa Kreutzer